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Vom windigen Ostkap zum Carnaval zwischen Strohdachhäusern


Dieser Tag begann mit Wadenschmerzen entgegen meines Biorhythmus im dunklen Morgengrauen für mich. Denn heute wollte ich den Sonnenaufgang am einzigen Natursandstrand der Insel genießen. Abfahrt war für 7 Uhr geplant. Kathi und Leo lagen 6.45 Uhr noch in den Federn als ich bei ihnen klopfte, um mal nachzufragen, wie weit sie waren. In Windeseile machten sie sich fertig und leicht verspätet begann unsere heutige Reise an der Ostküste entlang. Über die Schnellstraßen ist man wirklich fix an seinem Ziel. Ich gab ordentlich Gas, denn es wurde bereits hell. Allerdings schien das Wetter nicht mitspielen zu wollen. Dicke Wolken hingen über der Insel und ein schöner Platterregen prasselte auf meinen Fiat. Es war fraglich, ob wir überhaupt einen Sonnenaufgang zu sehen bekommen würden. An Canical vorbeigefahren, hielten wir Ausschau nach einem Hinweis auf den Sandstrand - Prainha. Der Parkplatz oberhalb von Prainha hat jedoch so eine lustige Konstruktion, dass ich für einen Moment dachte, ich wäre auf der Gegenfahrbahn unterwegs. Erschrocken und verunsichert bremste ich ab und fragte die Mädels "Oh, was ist denn hier los!? Ich fahre aber nicht gerade auf der falschen Seite!?" Als von dem Parkplatz wieder die Ausfahrt auf meine Spur führte, war klar, dass alles seine Richtigkeit hatte. Keine Geisterfahreraktivität! Es war einfach sehr irritierend, da weit und breit kein anderes Auto auf der Straße zu sehen war. Durch die kurzzeitige Verwirrung übersahen wir komplett das riesige Schild, auf dem in fetten Buchstaben "Prainha" gedruckt war. Wir vermuteten, dass wir vorbeigefahren waren und hielten spontan am Miradouro do Rosto - einer der vielen Aussichtspunkte der Insel. Als wir aus dem Auto ausstiegen, pustete uns der Wind fast um. Wir stiegen den Fels hinauf bis zum Holzgeländer. Von dort hatte man einen grandiosen Blick auf die Klippen mit Maserungen unterschiedlichster Farben. Es wirkte als würden an den verschiedensten Brauntönen mit grünem Häubchen schwarz-graue Lava hinunterlaufen. Ein Anblick, der nicht glaubhaft natürlich sein konnte, sondern wie gemalt schien. Ein steinernes Kunstwerk, das mich sprachlos machte. Nach einem kurzen Moment visuellen Genusses gingen wir schnell zurück zum Auto. Es war wirklich kalt-nass. Und der stürmische Wind trug auch nicht gerade zu einem wärmenden Gefühl bei. Ich merkte bereits dort, dass Leo in ihrer dünnen Bekleidung frierte. Glücklicherweise hatte ich noch einen Regenmantel eingepackt, für den Fall, dass es nass sein würde. Wir fuhren zum Kreisverkehr zurück und nahmen die andere Abzweigung mit der Beschilderung "Ponta de Sao Lourenco". Der Weg endete in einem Rondell, an welchem auch Parkplätze angelegt waren. Dort stellte ich das Auto ab. Als wir ausstiegen, wehte uns der Wind kräftig entgegen. Wir liefen einen kleinen Weg entlang, der - wie wir auf dem Rückweg feststellten - nicht ganz offiziell war. Dennoch schienen auch hier viele Besucher langzugehen, hinterließen sie doch Türme aus gestapelten Steinen. Leo frierte offensichtlich zunehmend, also bot ich ihr meinen Regenmantel an, von dem sie hellauf begeistert war. So einen bräuchte sie auch, meinte sie. Wir passierten saftig grüne Wiesen auf vulkanischen Hügeln. Einige größere Steine schienen wie in den Boden eingelassen mit schlammähnlichen Ringen um die Steine herum. Jedoch war der Boden fest. Es war kein Schlamm.

Nachdem wir dem Weg eine Weile folgten, schien es als ob es immer stürmischer und ungemütlicher werden würde. Mir wurde kalt, der Wind pfiff an den Ohren entlang, ich hatte Gänsehaut. Ich fragte die Mädels, wie weit wir noch gehen wollten. Denn ursprünglich war geplant, bis zum östlichsten Zipfel zu laufen. Leo zeigte zu dem Punkt, wo eine Windschneise zwischen den erhabenen Felsen zu sehen war. Wir konnten nicht ganz ausmachen, ob der vom Wind verwehte Niesel an dieser Stelle nun fallender Regen oder aufgebraustes Meereswasser war. Als wir den Punkt jedoch erreichten, wurden wir von dem stürmischen Lüftchen fast umgeweht. Atmen entgegen des Luftstroms war schwierig. Ich drehte mich mit dem Rücken zum Wind und musste mir mein Halstuch über Mund und Nase ziehen, um mich weiter vorwärts entgegen der Böen fortbewegen zu können. Wir liefen den Fels entlang durch die Windschneise auf die andere Seite des Hügels. Und dort bot sich ein Farbenschauspiel in dem Gestein, welches wirklich so unglaublich toll war, dass es gar nicht echt sein konnte. Zwei große Felsbrocken standen dicht beieinander ganz allein mitten im aufbrausenden Meer. Der kleinere von ihnen war tiefrot. Der große war von verschiedenen Schwarztönen gezeichnet. Der stürmische Wind zerzauste meine Haare immer mehr. Die Böen waren so stark, dass ich mich für ein Foto an einem dünnen Metallpfahl festhalten musste. Leo war bereits vorbereitet, demnächst fliegend abzuheben, wie der Fotobeweis zeigt. Meine Ohren begannen zu schmerzen, so stark wie der Wind an ihnen entlang pfiff. Eigentlich wollten wir zurückkehren. Wir entschieden uns jedoch, noch die Treppe zum nächsten Hügel hochzulaufen, von welchem uns ein weiterer grandioser Ausblick auf ein intensives Farbenspiel erwartete. Bevor wir uns eine Mittelohrentzündung zuziehen würden, kehrten wir lieber um. Um den gesamten Weg zum östlichsten Punkt der Insel zu gehen, wäre sonniges, wärmeres Wetter schon eine gute Voraussetzung.

Auf dem Rückweg kam uns ein Jogger entgegen. Wir Mädels blieben zeitgleich stehen und schauten ihm verwundert hinterher. "Der ist schon echt ein bisschen bekloppt." waren wir uns einig. "Guckt mal, wie schnell der da oben ist. Wie lang wir grad gebraucht haben, um da hochzulaufen....!" sagte Kathi. Sie fügte hinzu: "Langsam könnte ich was zu essen vertragen." Ich als Ausflugsmutti war natürlich vorbereitet. Zurück am Auto, schmiss ich erstmal eine Runde Äpfel, die die knurrenden Mägen vorerst ruhigstellten. Ich versuchte auch, meine Haare mal zu kämmen. Irgendwie sinnlos, denn beim nächsten Halt wurden sie vom Wind erneut verknotet.

 

> Ponta de Sao Lourenco

 

Wir fuhren die Straße, die wir gekommen waren, wieder zurück. Wir wollten noch einmal nach dem einzigen natürlichen, dunklen Sandstrand Ausschau halten, an dem wir ja zuvor vorbeigefahren sein mussten. Als wir das große Schild mit "Prainha" bedruckt sahen, stellten wir fest, dass der Parkplatz, der mich vorher mit der Geisterfahrersituation verwirrt hatte, zum Strand gehörte. Ich stellte das Auto ein weiteres Mal ab. Beim Aussteigen begrüßte uns direkt wieder der Wind. Wir gingen zum Ende des Felsvorsprungs, von wo aus man den Strand sehen konnte. Die am Vorabend aufgekommene Diskussion über die Falldauer am Cabo Girao wollte ich Leo mit meinem abgekauten Apfelgehäuse an dieser Klippe nun verdeutlichen und warf es hinunter. Der Aufprall war zwar nicht sichtbar von unserem Standpunkt aus (ich hätte vielleicht etwas weiter werfen sollen....naja, ich werfe halt wie ein Mädchen), aber man konnte sich denken von der Fallgeschwindigkeit, wie lange der Apfel ungefähr in der Luft war.

 

> Prainha

 

Die Fahrt ging weiter nach Santana. Dort wollten wir uns die ursprünglichen Strohdachhäuser anschauen. Was uns in den Bergdörfern immer wieder auffiel: Die hier lebenden Menschen liefen einfach mitten auf der Straße von Dorf zu Dorf. Ganz schön gefährlich, aber wohl nicht anders machbar, wenn kein Bus fährt. Die Zeit schien in den Dörfern stehen zu bleiben. Man sah Landwirtschaft, die mit alten Geräten von Hand betrieben wurde. Je näher wir Santana kamen, desto häufiger sahen wir lebensgroße Puppen an Laternen hängen, die einen wirklich gruseligen Eindruck machten. In Santana angekommen, hingen diese Puppen dann an jeder Ecke. Wir wunderten uns. Dann sahen wir aber Absperrungen für ein Fest, aufgebaute Buden, Girlanden über den Straßen der Stadt sowie die dazugehörigen Plakatankündigungen. Wir drehten eine Runde mit dem Auto, um uns einen Überblick zu verschaffen. Schließlich suchten wir eine Parkmöglichkeit, die auf Grund der Festivitäten eingeschränkt war, um unsere Bäuche mit etwas zu essen zu füllen. Ich parkte direkt vor einer Snack-Bar/Pasteleria mit dem Namen "A Espiga". Für mich ein absoluter Geheimtipp. Aus meinem Reiseführer hatte ich eigentlich einen anderen Frühstücksort herausgesucht. "A Espiga" war in meinem Reiseführer nicht aufgelistet. Der Hunger trieb uns jedoch direkt hinein. Wir suchten uns einen freien Tisch in der hintersten Ecke. Die nette Dame von der Theke kam zu uns. Eigentlich wollten wir gern etwas warmes essen. Die Dame guckte uns verwundert an und sagte: "Aber es ist doch noch Frühstückszeit!" Wir schauten auf die Uhr. Es war gerade mal 9.30 Uhr. Es kam uns viel später vor, da wir so früh aufgebrochen waren. Und nun waren wir richtig hungrig. Also fragten wir, ob die Möglichkeit bestünde, dass wir ein Omelett bekommen könnten. Die nette Dame klärte das mit der Küche und Leo und ich bekamen kurz darauf unser frisch zubereitetes, vorzüglich schmeckendes Omelett. Kathi hatte sich einen mega geilen Schokokuchen mit Kokosschicht an der Theke ausgesucht. Außerdem gönnten wir uns noch zwei madeirische Bananen, die wir uns teilten. Während wir unsere Speisen genossen, füllte sich die Pasteleria zunehmend mit Einheimischen. Es wurde laut um uns auf Portugiesisch gesprochen und gestikuliert. Draußen prasselte inzwischen der Regen nieder und langsam kamen die Buden vor dem Fenster in Bewegung. Eine Bude nach der anderen öffnete. Es wurde typisch madeirisches Essen angeboten wie Bolo do Caco - ein regional typisches Brot, das häufig mit Chorizo oder Schinken-Käse-Füllung gegessen wird. Fehlen darf aber die Knoblauchbutter nicht, die frisch draufgestrichen wird, bevor das Brot erwärmt wird. Als wir uns zum Bezahlen durch die Menge zur Theke vorkämpften, drängelte sich eine ältere Einheimische mit einem Stuhl in der Hand an uns vorbei und schob die Bedienung fast gegen die Wand. Anscheinend räumten ihre Äußerungen, sie passieren zu lassen, ihr ihrer Meinung nach das Recht ein, sich an jedem unangenehm vorbeizuschieben - ohne Rücksicht auf Verluste.

Bevor wir uns ins Getümmel der Festivitäten stürzten, schlichen wir uns in einen Souvenirladen gegenüber von unserem Frühstückslokal. Ich war total begeistert von den vielen schönen handgemachten Dingen. Schließlich entschied ich mich - trotz stolzen Preises - einen handgefertigten Poncho mitzunehmen. Ich legte ihn an die Kasse und sagte, ich würde mich weiter umschauen. Während Kathi und Leo frisch zubereiteten Poncha probierten (ein madeirisches Getränk aus Hochprozentigem, Zucker und Zitrone), suchte ich mir weitere schöne Souvenirs aus. Ich brachte schließlich einen hölzernen Leuchtturmschlüsselanhänger und eine Kette, die aus dem Holz der Bananenstaude gefertigt wurde, ebenfalls zur Kasse. Ich wollte auch gerne eine Flasche Madeirawein mit nach Deutschland nehmen. Aber im Souvenirladen ist der mit 20 Euro pro Flasche furchtbar überteuert. Ich fragte die Verkaufsdame, was es mit den Puppen auf sich hat. Sie sagte, es wäre Karneval und dass die Puppen eine Schutzfunktion hätten. Wir verließen glücklich den Laden - klar, nach dem Shoppen sind Frauen immer glücklich - und brachten unsere Errungenschaften zum Auto. Nun konnten wir endlich entspannt über die Karnevalsfestivitäten schlendern. Auf einem Plakat erklärte sich mir dann auch die Geschichte mit den Puppen. Es wurde an vier Tagen gefeiert, dem 16., 18., 19. und 23. Februar, und zwar die Festa dos Compadres, die den Karneval einleitet. Die Puppen werden wohl am Ende dann auch verbrannt. Wie ich traurigerweise feststellte, fingen die richtigen Karnevalsveranstaltungen erst eine Woche später an. Ich denke das wäre definitiv ein Anlass, um nach Madeira zurückzukehren.

Wir entdeckten das erste Strohdachhaus - der eigentliche Grund, wieso wir nach Santana gekommen waren. Dieses kleine Häuschen mit knallroter Tür, blauen Tür- und Fensterrahmen und eben dem Strohdach war einfach nur zum Verlieben. Vor dem Häuschen war ein kleiner Garten angelegt. An einem Weg aus Steinplatten lagen bunt bemalte Steine, die ebenfalls einen herzallerliebsten Eindruck bei mir hinterließen. Trotz des schlechten Wetters hatte ich wirklich gute Laune.

Wir wärmten uns anschließend an einem offenen Feuer und schlenderten an den Buden mit madeirischer Handwerkskunst und kulinarischen Spezialitäten vorbei. Am Rathaus war eine große Bühne aufgebaut, von der eine Live-Band aus zu hören war. Wir passierten das Bühnenzelt und ich entdeckte eine weibliche Puppe, die einen Zettel um den Hals trug mit folgender Aufschrift: "Ich bin Miss Trump, die schönste im weißen Haus... Achtung, denn mein Ehemann wird euch eine große Falle stellen!" (Wortwitz Trump - Trampa = Falle). Als ich das gelesen hatte, brach ich in Gelächter aus. Ich fand es grandios, dass politische Kritik durch die Puppen transportiert wurde. Weitere Strohdachhäuser fielen in unser Blickfeld. Sie waren genauso gestaltet wie das erste, das wir gesehen hatten. Ein Haus schien das Postamt zu sein. Ein weiteres hatte seine Tür geöffnet. Es war ein weiterer Souvenirladen. Zu finden waren hier hauptsächlich madeirisches Gebäck (wie Honigkuchen) und madeirischer Alkohol. Ich entdeckte kleine Fläschchen von Madeirawein und Poncha, welches ich spontan als Mitbringsel für meine Mama, Schwester, meinen Opa und Schwager erstand. Die Verkaufsdame klärte mich auf, dass die Strohdächer alle 6 Jahre erneuert werden müssten.

Als wir den gleichen Weg zurückgingen, entdeckte ich dann auch noch die Donald-Trump-Puppe. Ich konnte nur Bruchstücke seines Schildes übersetzen, da ich ja eigentlich gar nicht portugiesisch spreche. Aber die Tatsache, dass Trump dort an einem Pfeiler hing, fand ich irgendwie amüsant. Eine andere Puppe an der Laterne auf der anderen Straßenseite trug einen Turnschuh und einen Inliner - auch recht witzig. Eine Straße weiter wurden überall Hühnchenspieße über offenem Feuer zubereitet. An einem Metzgerstand hingen viele frische Fleischberge. Und aus welchem Grund auch immer, aber auf einem Ziegeldach lagen jede Menge frisch geerntete Kürbisse. Langsam hatten wir das Gefühl, alles gesehen zu haben und begaben uns zurück zum Auto.

 

> Santana

 

Unser nächstes Ziel waren die vulkanischen Grotten von Sao Vicente. Auf dem Weg dorthin fuhren wir abermals stark gewundene Serpentinen mitten durch den Dschungel entlang. Ein Schild verwies auf einen Leuchtturm "Farol de Sao Jorge". Ich fragte die Mädels spontan: "Ist zwar nicht eingeplant, aber hier ist noch ein Leuchtturm. Wollen wir uns den auch kurz anschauen?" Kathi und Leo bejahten. Ich nahm die Abbiegung und folgte der Beschilderung. Wir kamen an einem unspektakulären Leuchtturm an. Allerdings interessierte uns, was noch dazu gehörte. Wir schlichen uns also die Mauer entlang. Hinter den Sträuchern auf unserer Seite der Mauer begann bereits die Klippe. Am Ende des "Mauerweges" entdeckten wir eine kleine saftig grüne Wiese mit zwei mähenden Ziegen. Am Wiesenrand stand ein kleiner steinerner Stall, der eine Ziegenmutter mit ihren zwei Jungen beherbergte. Kathi und Leo begannen frisches Gras von der Wiese zu reißen und es der Ziege zu füttern. Die jungen Zicklein sprangen an ihrer Mutter hoch, was sehr belustigend war. Ich hatte den Eindruck, die Mädels hätten ewig bei den Tieren bleiben können. Ich hatte jedoch die Befürchtung, dass der Eigentümer über unseren Besuch nicht erfreut wäre und hielt die beiden daher dazu an, recht schnell wieder von dort zu verschwinden.

Auf unserer weiteren Fahrt stand plötzlich ein älterer, ungepflegt wirkender Mann mit seinem Hund auf der kurvigen Straße. Er winkte - zunächst dem Auto vor uns, welches jedoch weiterfuhr - und wir hielten kurz. Wir dachten, der Mann wollte auf eine Gefahrensituation aufmerksam machen, jedoch weit gefehlt. Ich ließ das Fenster ein kleines bisschen hinunter, um nachzufragen, was das Problem sei. Der Mann bequatschte uns auf Portugiesisch, da er offensichtlich keiner anderen Sprache mächtig war. Wir verstanden nicht bis er mit wild gestikulierenden Armen und leicht mitleidigem Blick deutlich machte, dass er mit seinem Hund mitfahren wollte. Während Leo neben mir schon unruhig die Zentralverriegelung suchte, wollte der Mann zur Verdeutlichung etwas ins Auto greifen. Ich zeigte deutlich und kopfschüttelnd, dass wir ihn nicht mitnehmen würden. Während ich das Fenster wieder hoch ließ, fuhr ich bereits an und ließ den Mann stehen. Sonntags scheinen die Busse zwischen den Bergdörfern wohl nicht so oft zu verkehren. Im Endeffekt ist nichts schlimmes passiert, dennoch dachte ich mir, ich hätte einfach an ihm vorbeifahren sollen. Leo fragte direkt: "Können wir als erstes bitte die Zentralverriegelung suchen, wenn wir angekommen sind?"

 

> Farol de Sao Jorge

 

Kurz vor Sao Vicente bekamen wir schon einmal einen Vorgeschmack auf die vulkanischen Grotten. Wir fuhren durch den einzigen Tunnel mit naturbelassenem Fels auf meiner ganzen Zeit auf Madeira.

An den Grotten angekommen, stellte ich das Auto auf dem zugehörigen Parkplatz ab. Wir suchten tatsächlich nach der Zentralverriegelung, konnten aber keinen entsprechenden Knopf finden. Meine Intuition kam mir wieder einmal gelegen. Man musste den Türöffner in die Tür eindrücken. Erleichtert darüber, nun zu wissen, wie wir uns im Auto schützen konnten, stiegen wir aus und durchquerten einen kleinen Tunnel mit Fliesenbildern an den Wänden - unterhalb des schmalen Flusslaufes. Auf der anderen Seite angekommen, passierten wir einen weiteren Souvenirladen und fanden den Eingang zu den Grutas. Wir kamen gerade rechtzeitig, denn eine Tour sollte just während unseres Ankommens losgehen. Wir zahlten also schnell die 8 Euro pro Nase und schlossen uns der ca. halbstündigen Führung an. In den Höhlen bestaunte ich verschiedenste Lavagesteine, an der Decke gebildetes Basalt, einen (mit etwas Fantasie) babyelefanten-ähnlichen Vulkanstein, sowie vom Regen- und Quellwasser entstandene Seen und Bäche. An manchen Stellen schien das Gestein eine flüssige Masse zu sein, obwohl es steinhart war. An anderer Stelle waren die Felswände sehr schroff. Aus der ein oder anderen Felsspalte wuchsen kleine Pflanzen, die sich aus hereingetragenen Samen hervorgetan haben. Es wird gesagt, dass man sich etwas wünschen könne, wenn man die Hand in einen der Seen hielt. Wir wollten dem Glück noch etwas weiter auf die Sprünge helfen und warfen außerdem jeweils eine Münze hinein, wie es bei Wunschbrunnen getan wird.

Die Gruppenführerin gab ihre Erklärungen durchweg auf Portugiesisch und Englisch. Am Ende des Weges standen wir plötzlich vor einer Tür. Ich dachte schon, die Führung wäre vorbei und war etwas irritiert, da ich etwas von einem illuminierten Lavastrom gelesen hatte. Die Tür öffnete sich. Die Gruppe trat geschlossen in einen Raum, der wie ein alter Aufzug aussah. Es wurde eine Fahrstuhlfahrt zum Mittelpunkt der Erde simuliert. Als wir ausstiegen, floss dann auch endlich der erwartete leuchtende Lavastrom neben mir. Auch wenn das Ganze unecht war, wirkte es sehr realistisch. Außerdem gab es noch eine kleine Aufklärungsausstellung über Vulkanaktivitäten mit Schwarzlicht. In Kombination mit der falschen Kameraeinstellung gab das ein lustiges leuchtendes Flaschengeistbild von Leo. Die letzte Station war eine Filmvorführung über die vulkanische Entstehung von Madeira. An sich eine tolle Möglichkeit für Wissenszuwachs. Allerdings sollte man sich dazu auch möglichst weit vorn platzieren, denn in den hinteren Reihen ist der englische Untertitel schwer in voller Gänze lesbar. Mit ein paar Brocken Portugiesisch, die ich verstand, konnte ich dann aber doch ganz gut folgen.

Als wir die Grotten verließen, sparten wir uns den dortigen Andenkenladen. Ich bestaunte noch eine interessant farbintensive Pflanze und schon fanden wir uns in dem Souvenirladen auf dem Weg zum Parkplatz wieder. Irgendwie schien ich an diesem Tag in Shoppinglaune zu sein. Ich bestaunte die gefühlt 1000 madeirischen Produkte. Letztlich entschied ich mich, mir einen weiteren Poncho, Bananenstauden-Ohrringe (passend zur Kette aus Santana) und einen Madeira-Fächer zu gönnen. Die wunderschönen Korktaschen waren leider nicht in meinem Budget. Ich überlegte, ob ich so eine vielleicht selbst nähen könnte.

 

> Grutas de Sao Vicente

 

Unsere Ost-Tour endete am frühen Nachmittag in Funchal. Ich war an diesem Tag hoch motiviert, es am Abend tatsächlich zur Kizomba-Party in der Old Town Bar zu schaffen. Also erledigte ich zunächst meinen Einkauf (ja, in Funchal kann man auch sonntags bis 23 Uhr einkaufen gehen). Ich holte mir Getränke und Joghurt als Proviant für den kommenden Tag. Außerdem kaufte ich jeweils eine große Flasche Madeirawein (für knappe 6 Euro, nicht 20 Euro wie im Souvenirladen) und Poncha (für 8 Euro). Mein Abendbrot in Form einer kleinen Pizza nahm ich mit und legte mich anschließend hin, fand aber keine richtige Ruhe. Als mein Wecker klingelte, überzeugte ich mich selbst, aufzustehen. Ich machte mich etwas hübsch und klopfte bei Kathi und Leo, die beide quasi schon bettfertig und schläfrig waren. Sie bestätigten mich darin, dass ich schick aussehen würde und ließen mich allein losziehen. Ich lief nur zehn Minuten zu der Location. Es war gegen 23 Uhr als ich die Rua de Santa Maria hinunterlief. Die Restaurants waren dabei, zu schließen. Sie räumten ihre Stühle und Tische in die Räumlichkeiten, rollten ihre Marquisen ein und schlossen die Türen. Die Straße wurde immer ruhiger, während ich sie entlanglief. In der Old Town Bar angekommen, betrat ich einen quasi leeren Laden. Ich war total irritiert und fragte die Barkeeper, was los sei. Es stellte sich heraus, dass die Tanzlehrer (und mit ihnen wohl auch sämtliche andere Tänzer) an diesem Wochenende auf einem Kizomba-Kongress irgendwo in der Welt waren. Ich entschloss mich, noch ein wenig zu warten und bestellte einen Poncha. Drei Rumänen kamen herein, die schon gut angetüdelt waren, aber mit denen sich die Barkeeper und ich uns lustig unterhalten konnten. Mit Kizomba-Musik im Hintergrund bekam ich unglaublich viele tolle Informationen. So wurde mir geraten, Silvester auf Madeira zu verbringen (das Feuerwerk wäre als größtes im Guinessbuch der Rekorde eingetragen), mir empfohlene Tätowierer aufzusuchen (mit nur max. 4 Wochen Voranmeldung) und ich lernte den herrenlosen "Restauranthund" der Straße kennen. Er hatte keinen Besitzer, wurde aber während der Öffnungszeiten vom Restaurant versorgt. Die beiden vergebenen Barkeeper, mit denen ich mich so angeregt unterhielt, dass ich trotz nicht anwesender Tänzer erst um 1 Uhr wieder in meiner Unterkunft war, verhielten sich mir gegenüber die ganze Zeit sehr respektvoll. Das ist mir generell aufgefallen auf Madeira. Ich wurde an keiner Stelle unangemessen oder billig angemacht, was die Reise allein als Frau umso angenehmer machte. Nachdem ein betrunkenes Pärchen in einem Auto nach einer Location fragte und die Straßenhunde sich nun gegenseitig beschnupperten, nahm ich die Rückkehr auf - immerhin wollte ich am nächsten Tag frühzeitig und ausgiebig wandern. Da nun sämtliche Restaurants geschlossen hatten, waren endlich alle bemalten Türen der Straße in ihrer vollen Pracht zu sehen. Auf der Rua de Santa Maria sollte man daher definitiv einen Nachtspaziergang machen.

 

> Türen der Rua de Santa Maria (Zona Velha, Funchal)


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