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Ein paar Stunden Lissabon-Luft geschnuppert


Wenige Stunden nach meiner nächtlichen Kofferpack-Aktion klingelte bereits wieder der Wecker. Ab unter die Dusche, in das Lissabon kompatible Outfit gesprungen und mit gepackten Sachen ab zum Auto. Ich gab den Mädels meinen Zimmerschlüssel, da ich so früh am Morgen nicht mit Toni den Check-Out machen konnte. Sie haben ihn dann an Toni weitergeleitet. Ich verabschiedete mich von den Mädels und begab mich mit Sack und Pack zu meinem Fiat, den ich erstmal aus dem Parkhaus holte und an der Straße abstellte. Ich musste ja noch den Schlüssel zur Tiefgarage am Hotel abgeben. Alles war dunkel, die Tür verschlossen. Es hing allerdings ein Beutel mit Brötchen an der Tür. Das ist hier so üblich, dass die Bestellung beim Bäcker an die Tür gehangen wird. Ich dachte: "Gut, dann den Schlüssel für die Tiefgarage in dem Brötchenbeutel verstecken. Ein Mann auf der anderen Straßenseite beäugte argwöhnisch, was ich da tat. Vielleicht dachte er, dass ich die Brötchen stehlen wollte. Den Schlüssel hinterlassen, ging ich mit einem unguten Gefühl zurück Richtung Auto. Ich sprach mit mir selbst: "Wenn jetzt jemand den Schlüssel klaut....Den kannst du nicht da lassen!" Also rannte ich zurück zu der riesigen Glastür und klopfte laut dagegen. Hinter der Rezeption regte sich etwas und ein älterer Mann näherte sich gemächlich der Tür. Er öffnete sie und guckte mich fragend an. Ich gab ihm die Brötchentüte und erklärte ihm, dass ich den Schlüssel für die Tiefgarage darin versteckt hätte. Er nickte, nahm den Beutel entgegen und schloss die Tür wieder. Ich rannte zurück zum Auto. Langsam wurde die Zeit knapp. Aber ich hatte ja großzügig geplant - zum Glück. Völlig durchgeschwitzt von dem Stress trat ich ordentlich aufs Gas. Wie gut, dass wirklich alle Straßen auf Madeira nachts beleuchtet sind. Eine unglaubliche Erleichterung für die Fahrsicherheit. Die freien Straßen taten ihr übriges, damit ich den Flughafen noch überpünktlich erreichte. Ich stellte den Fiat in die Parklücke, von wo ich ihn auch geholt hatte. Das Hertz-Büro war noch geschlossen - alles dunkel. An der Tür hing ein Schild. Falls kein Mitarbeiter vor Ort wäre, solle man das Auto abstellen, seine Sachen mitnehmen und zum Hertz-Schalter in der Ankunfthalle. Ich begab mich mit meinem quietsch-orangen und ziemlich schweren Koffer in den Flughafen. Zunächst bin ich umhergeirrt und hab den Schalter nicht gefunden. Ich fragte eine Dame an der Information. Sie gab mir die Auskunft, dass sich die Schalter der Autovermietungen eine Etage tiefer befinden würden. Um mein Gepäck direkt loszuwerden, ging ich zum bereits geöffneten TAP Portugal-Schalter. Die Dame legte mir nahe, nochmal etwas umzupacken, da ich ansonsten nochmal 55 Euro draufzahlen müsste. Ich wurde umgehend ziemlich aufgeregt, da ich ja bereits in Frankfurt extra für mein Gepäck gezahlt hatte. Ich nahm meinen Koffer wieder an mich und breitete mich an einer Wand aus. Ich musste schwere Sachen in meinem Koffer finden, die auch durch die Handgepäckprüfung durchgingen. Die Poncha- und Madeiraflasche waren also raus. Ich stopfte meinen neuen Poncho aus schwerer Wolle, ein Paar Schuhe, meinen schwarzen Veloursledermantel und noch ein paar andere Sachen in meinen Rucksack. Ich war so stolz gewesen, wie schön ich meinen Koffer gepackt hatte und alles hineinbekommen hatte - und dann musste ich mein für Lissabon vorgesehenes leichtes Handgepäck vollstopfen, sodass ich doch mit einem ganz schönen Gewicht auf dem Rücken herumlief. Meine Bandscheibe dankte es mir... Ich bin letztlich knappe drei Kilo aus meinem Koffer losgeworden und konnte mein Gepäck ohne Zusatzkosten aufgeben. Nun nur noch mit meinem Rucksack und meiner Bordkarte ausgestattet, schaute ich mal Richtung Parkplatz der Autovermietung. Da war inzwischen Bewegung. Anstatt also nun den Schalter in der Ankunftshalle aufzusuchen, kehrte ich zurück zum Hertz-Büro. Da war nun ein großer Andrang. Ich stellte mich an und wartete. Die Abfertigung der vor mir stehenden Touristen dauerte ein wenig. Für ein deutsches Paar vor mir übersetzte ich schnell aus dem Englischen, was sie nicht verstanden, damit ich gechillt zu meinem Flieger watscheln konnte. Nun war ich an der Reihe. Die Dame der Autovermietung rannte bei jedem Kunden quer über den Parkplatz zu den entsprechenden Autos. Sie lief zu meinem Fiat, schaute ihn sich außen genau an, während sie drumherum ging, und verglich mit dem Papier in ihrer Hand, auf dem bereits vorhandene Schäden vermerkt waren. Alles in Ordnung. Sie stieg ein, startete das Auto und schaute sich die Tankanzeige an. Sie wies mich darauf hin, dass sie mir ja einen vollen Tank berechnen müsse, obwohl er nicht komplett leer war und fragte mich, ob ich nicht noch schnell tanken fahren wollte. Diesen Hinweis der Mitarbeiterin fand ich sehr freundlich und kundenorientiert. Es war bereits 08:20 Uhr. Mein Flieger ging 09:10 Uhr. Die Dame verzog das Gesicht und wollte mir sagen, dass das wohl knapp werden würde. Ich fragte sie nach der nahegelegensten Tankstelle. Diese sei in Machico. Sie wollte mir noch den Weg erklären, da winkte ich bereits ab, schon halb auf dem Weg zum Auto: "Hier ist doch alles ausgeschildert! Das finde ich!" Ich setzte mich ein letztes Mal in meinen Fiat und trat aufs Gaspedal. Mit 120 km/h (erlaubt waren 90) eilte ich nach Machico. Die Tankstelle hab ich auch intuitiv direkt an einem Kreisverkehr gefunden. Und anstatt 52 Euro für den vollen Tank, hab ich hier nur 24 Euro gezahlt. Fix fuhr ich zurück zur Autovermietung. Als ich 10 Minuten nach meinem Wegfahren das Büro wieder betrat, schaute mich die Dame überrascht an und sagte "Oh, Sie waren also schnell!?" Ich antwortete: "Naja, ich bin Deutsche. Wir fahren anders Auto." Sie überprüfte schnell den Kilometerstand und machte mir die Rechnung fertig. Ich blechte über 200 Euro. Allerdings bin ich auch über 500 km in den 6 Tagen gefahren. Da mein Gepäck bereits aufgegeben war, konnte ich im Gegensatz zu den anderen Reisenden schon ganz entspannt zum Abflug-Gate gehen. Wehmütig stieg ich in den Flieger und sah den bergigen Landschaften beim Abflug sehnsüchtig hinterher.

 

> Abflug von Madeira

 

Als das Flugzeug langsam über Lissabon kreiste und ich dicke Wolken über der Stadt hängen sah, schwante mir schon, dass es wohl kein sonnenstrahlendes Wetter geben würde wie bei meinem Zwischenstopp auf dem Hinflug. Nach der Landung verabschiedete ich die unglaublich attraktiven Flugbegleiter und suchte den Ausgang des Flughafens. Ich hatte vorher gelesen, dass man mit dem Airbus in die Stadt reinfahren sollte, damit man schon ein bisschen von der Stadt sieht. Allerdings hatte ich sonst keinen wirklichen Plan, was es in Lissabon konkret zu sehen gibt. Immerhin hatte ich nur ein paar Stunden Zeit bis mein nächster Flug ging. Mein einziges Ziel war die Tram 28. Nachdem ich also gerade noch so den Bus erwischte, für den ich 3,50 Euro löhnte, entschloss ich mich spontan, einen Internet-Tagespass der Telekom zu kaufen, damit ich mich online informieren konnte. Während der Fahrt fand ich also die Strecke der Tram 28 heraus, die für mich den Rahmen für die Entdeckung der Stadt bieten sollte. Außerdem erfuhr ich, dass es ein Kombi-Tagesticket für nur 6 Euro gab, mit welchem man sowohl die Tram als auch die U-Bahn nutzen konnte. Und da ich mit der U-Bahn zurück zum Flughafen wollte, klang das nach einem guten Angebot. Das Ticket kann man aber nur in Metrostationen kaufen und nicht in der Tram selbst.

 

An einem Platz mit großem Brunnen und einer Säule stieg ich intuitiv aus dem Airbus aus. Der Platz schien "Rossio" zu heißen. Nachdem ich die schönen alten Denkmäler auf Fotos festhielt, lief ich der Karte nach immer Richtung Meer. Das erste, was mir dabei auffiel, war Tezenis - ein Dessousladen, der tolle und bequeme Unterwäsche für wenig Geld hat. Und klar, was macht man als erstes, wenn man nur wenige Stunden in Lissabon hat? - Unterwäsche shoppen!!! Nach meinem erfolgreichen Einkauf folgte ich der Straße weiter. Laut Karte musste ich irgendwo rechts einbiegen, um zu der Metrostation Baixa/Chiado zu kommen, wo ich mein Kombi-Tagesticket erstehen wollte. Die Metrostation war unübersehbar. Mit der Rolltreppe unten angekommen, war ich überrascht darüber, dass die U-Bahn-Linien hier nach Farben benannt waren. Total simpel und leicht zu merken. Hatte ich so aber noch in keiner anderen Stadt gesehen. Ich kaufte mein Ticket und begab mich zurück ans Tageslicht weiter dem geplanten Weg folgend. Ich erreichte die Straße, auf welcher die Tram 28 kreuzte. Überall sah man Schilder mit der Aufschrift "Achtung, Taschendiebe!" Das hatte ich bereits zuvor während meiner Bus-Internetrecherche gelesen. Taschendieben in Lissabon ist es wohl bekannt, dass Touristen gern mit der Tram 28 fahren, da sie an einigen Sehenswürdigkeiten vorbeikommt. Ich hatte mich vorbereitet und mein Portemonnaie in meiner Kameratasche verstaut. Die konnte man nicht so leicht öffnen. Ich wartete auf die Tram. Als sie ankam, war die allerdings so voll, dass ich mir dachte. "Nee, da steigst du nicht ein. Du willst ja am Fenster sitzen und was sehen." Ich entschied mich also, erstmal nicht mitzufahren und stattdessen meinem knurrenden Magen was gutes zu tun und mir was zum Essen zu suchen. Ich lief durch ein riesiges steinernes Tor Richtung Meer. Auf der anderen Seite des Tores kam ich am Praca do Comércio raus. Der Platz war gesäumt von gelb gestrichenen Häusern. Lauter Torbögen kreierten einen Durchgang unterhalb der Häuser. In der Mitte des Platzes stand eine große Statue eines Mannes zu Pferd. Bestimmt ein geschichtlich bekannter Mann. Damit habe ich mich aber nicht näher auseinandergesetzt. War ja auch irgendwie etwas wenig Zeit dafür. Ich suchte in den Bestuhlungen rund um den Platz nach einem Restaurant, das mir gefiel. Die linke Seite sagte mir mit einer Pizzeria nicht zu. Also erstmal runter zum Wasser, noch ein letztes Mal Meeresluft schnuppern. Von hier aus konnte man auch die bekannte Brücke "Ponte 25 de Abril" und die Jesus-Statue sehen. Ein Mann bemalte eine Krokodilfigur. Ein anderer spielte mit seiner Gitarre. Es war eine sehr gelassene Stimmung. Es gab sogar einen kleinen Strand. Die Sonne versuchte sich durch die Wolken zu kämpfen. Und ich lief die andere Seite der Häuser zurück, in der Hoffnung, endlich was zu beißen zu bekommen. Ich entdeckte das Restaurant Aura, welches seine Aufmerksamkeit durch die entspannende Lounge-Musik auf mich zog. Ich verstaute meinen Rucksack, meine Kameratasche und meine Jacke auf einem Stuhl und ließ mich mit Blick auf den Praca do Comércio nieder. Die Speisen auf der Karte klangen alle sehr lecker, sodass zu meinem knurrenden Magen ein wässriger Mund hinzukam. Die Preise fand ich in Ordnung. Nicht ganz günstig, aber auch nicht überteuert. Eine Kellnerin kam und nahm meine Bestellung auf - ein Hühnchensalat mit Ananas und einen Erdbeer-Milchshake. Während ich hungrig auf mein Essen wartete, schlichen jede Menge Tauben um die Tische. Ich finde diese Vögel, die ständig auf etwas herunterfallendes lauern, ja an sich schon nervig. Aber diese Tauben haben mir den letzten Nerv geraubt. Da schienen wohl zwei gefiederte Zweibeiner einen Macho-Kampf auszutragen. Sie bäumten sich immer wieder aneinander auf mit ihren Hälsen, pickten sich mit den Schnäbeln und schlugen sich seitlich mit den Flügeln. Das hab ich so echt noch nie gesehen. Ich dachte nur, die könnten ihren Kampf ja auch woanders austragen und mich dort in Ruhe chillen lassen. Dem Mann eines Pärchens, welches an einem Tisch nebenan saß, reichte es auch mittlerweile, da sich die zwei Kampfhähne direkt an ihrem Essplatz stritten. Er stand wütend auf und verjagte die Tauben. Endlich hatte ich auch meine Ruhe, konnte die paar Strahlen der sich durch die Wolken kämpfenden Sonne genießen und staunte als ein kleiner blonder Lockenkopf meinen Salat und Milchshake brachte. Das sah so unglaublich lecker aus. Ich nahm den ersten Bissen und war total begeistert. Wirklich angemessen vom Preis. Alles auf dem Teller war ganz frisch und schmeckte total intensiv. Genauso der Erdbeer-Milchshake. Ein superfruchtiges Geschmackserlebnis.

 

> Fahrt mit dem Airbus, Praca do Comercio - Lissabon

 

Nachdem ich alles leergeputzt hatte, bezahlte ich und versuchte, die Toilette aufzusuchen, für die die Gäste nichts bezahlen mussten, wie mir der blonde Lockenkopf mitteilte. Dafür gab es einen Code an der Tür. Allerdings bin ich erst zur falschen Toilette von dem anliegenden Souvenirladen gelaufen. Schließlich fand ich doch noch die richtige. Aber der Souvenirladen weckte dann noch meine Aufmerksamkeit. So unglaublich viele schöne Dinge. Jede Menge Sachen aus Kacheln, die Tram war auf vielen Objekten vertreten und diese Taschen aus Kork ließen mein Herz endlos höher schlagen. Mein Budget wurde allerdings immer kleiner und ich entschied mich, den Laden wieder zu verlassen, ohne einen Einkauf zu tätigen. Ich verließ den Shop über eine Seitenstraße und steuerte wieder zur Haltestelle der Tram 28. Wieder kam eine total überfüllte Straßenbahn angefahren. Und wieder hatte ich keine Lust, mich da reinzuquetschen. Ich ließ die Straßenbahn von dannen ziehen und entschloss mich kurzerhand, den Gleisen folgend Richtung Stadtteil Alfama zu laufen. Sonst hätte ich ja den lieben langen Tag auf eine halbwegs leere Straßenbahn gewartet und hätte im Endeffekt nichts von Lissabon gesehen. Nachdem ich mir die Kathedrale von außen angeschaut hatte, entschied ich mich spontan, in die nächste Tram zu steigen. Ich fragte den Fahrer, ob ich auch hinten einsteigen könnte, da er die Tür hinten verschlossen hielt. Er verneinte dies und teilte mir mit, dass nur vorne der Einstieg ist, hinten befände sich der Ausstieg. Nun gut, ich quetschte mich also direkt hinter den Straßenbahnfahrer, was mir die Gelegenheit gab, die Konstruktion der Fahrzeugsteuerung näher unter die Lupe zu nehmen. Das sah wirklich lustig aus, wie der Fahrer ständig an irgendwas kurbelte und irgendwelche Knöpfe drückte. Dazu machte die Tram auch noch witzige Geräusche. Fühlte sich ein bisschen an wie eine Zeitreise. Ich ergatterte schließlich einen Fensterplatz und genoss erstaunt die Fahrt mit der alten Bahn. Es gab viele Häuser mit metallenen gewundenen Balkonen und Kacheln an der Fassade zu bewundern, wobei jedes Haus andere Kacheln mit unterschiedlichen Farben und Mustern kleideten. Außerdem erhoben sich wunderschöne alte Bauten zwischen den Dächern der Stadt. Der Wind wehte mir durch das offene Fenster um die Nase und mit den Geräuschen der Tram im Hintergrund hielt ich die Kamera stets bereit für Schnappschüsse. Die Straßen wurden immer enger. Die Straßenbahn fuhr ganz dicht an manchen Häusern vorbei. Plötzlich hielt die Bahn mitten in einer Gasse. Ich wunderte mich, denn es gab hier keine Haltestelle. Erst als der Fahrer aufsprang und sich durch die Menge ans andere Ende der Tram kämpfte, schnallte ich, dass uns eine andere Tram entgegengekommen war. Und an dieser Stelle gab es dummerweise nur ein Gleis und links und rechts nur Häuserwände direkt neben den Tramfenstern. Also mussten wir zurücksetzen bis sich das eine Gleis wieder in zwei teilte und die entgegenkommende Bahn an uns vorbeifahren konnte. Der Fahrer lief erneut quer durch die Tram, um zu seinem vorherigen Sitzplatz zu gelangen. Nun konnte die Fahrt unbekümmert fortgesetzt werden. Wir passierten jetzt auch Häuser, deren Fassaden wunderschön bemalt waren.

 

Ich fuhr bis zur Endstation dieser Linie, Martim Moniz. Dort hieß es, dass alle aussteigen müssten. Ich dachte ja, man würde eine Schleife fahren. Aber um den wartenden Fahrgästen gerecht zu werden, musste man sich erneut in eine Schlange einfinden. Die war für mich nicht direkt ersichtlich. Anscheinend wirkte es als wollte ich mich vordrängeln, da ich weit rechts stand. Ein Mann sprach mich an, dass ich doch bitte aus Respekt den anderen gegenüber die Schlange einhalten solle. Ich entschuldigte mich bei ihm, sagte, es wäre mir nicht aufgefallen, dass es eine Schlange gäbe und reihte mich ein. Die gleiche Tram mit dem gleichen Fahrer kam angerollt. Dieses Mal suchte ich mir einen Stehplatz ganz hinten, obwohl noch Sitzplätze vorhanden waren. Ich dachte mir, über die riesigen Glasfenster an der Rückseite würde ich ganz gute Bilder einfangen können. Und das hat auch ganz gut geklappt.

Die Bahn passierte den Aussichtspunkt Largo das Portas do Sol erneut, auf den ich nun auch einen guten Blick werfen konnte, weil nicht gefühlte tausend Menschen vor mir standen. Am Miradouro de Santa Luzia stieg ich aus. Vor der Kirche stand eine Traube von Menschen um zwei singende, Gitarre spielende, junge Männer. Von der Musik im Wind ließ ich mich zu dem gekachelten Säulengang inmitten grüner Pflanzen tragen. Ein grandioser Ausblick bot sich hier über die Dächer der Stadt und die Basilica. Die Kacheln waren blau-weiß und zeigten verschiedene blumige Ornamente. An manchen Stellen waren sie schon kaputt, sodass hellbrauner Untergrund hindurchschimmerte. Über dem Säulengang waren Tücher gespannt, die Schatten spenden sollten. Auch diese hatten schon an manchen Stellen Löcher. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, in eine andere Zeit versetzt worden zu sein. Es wirkte alles etwas nostalgisch - bis auf das Mädel, das auf dem Säulengang sitzend ihre Finger immer wieder durchs Haar gleiten ließ, um das perfekte Foto zu bekommen.

 

> Fahrt mit der Tram 28 - von Rua do Comércio bis Miradouro de Santa Luzia

 

Ich lief die Straße bergab und bestaunte ein großes Bild des Hafens, bestehend aus vielen blau-weißen Kacheln. Außerdem fiel mir an einer Hauswand auf, dass dort verschiedene bunte Kacheln in verschiedenen Größen und Formen um ein Fenster herum hingen. Das munterte auf und bot einen fröhlichen Anblick. Dann entdeckte ich ein Gebäude, welches dem Bügeleisenhaus in Manhattan ähnelte - selbstverständlich in kleinerer Form. Eine Straße zweigte bergauf von der Straße ab, auf der ich lief. Und direkt auf der Ecke stand ein Haus, welches vorn sehr viel schmaler war als hinten, wo sich die Straßen voneinander entfernten.

 

Ich kam wieder an der Kathedrale an und wartete eine Weile auf die Tram, um mich in die andere Richtung in ganz andere Stadtteile zu begeben. Wie ich so an der Haltestelle stand, fiel mir das Restaurant gegenüber auf, welches tiefblau angestrichene Türen und Fenster hatte. Im Tiefblau befanden sich weiße Sterne. Das sah einfach nur mega stylisch aus. Und auch, wenn das Rot fehlte, erinnerte es mich irgendwie an die kubanische Flagge. Als die Straßenbahn endlich kam, konnte ich zunächst nur einen Stehplatz ergattern. Als ich endlich sitzen konnte, entdeckte ich an einem menschenüberfüllten Platz einen Laden, der Casa Havaneza hieß. Ich vermutete, dass es ein kubanischer Laden war, stieg jedoch nicht aus, um dies zu überprüfen. Die Zeit schritt nun fort.

Überall waren diese wunderschönen, eisernen Balkone, die häufig tropisch bepflanzt waren. Von einigen hing auch trocknende Wäsche über den Straßen Lissabons.

 

> Spaziergang & Fahrt mit der Tram 28, Lissabon

 

An manchen Sehenswürdigkeiten fuhren wir so rasant (naja, rasant ist relativ.... so schnell wie eine Straßenbahn eben unterwegs sein kann) vorbei, dass ich sie kaum fotografisch festhalten konnte. Als wir das Parlament (Pálacio de Sao Bento) passierten, welches ursprünglich mal ein Benediktinerkloster war, wusste ich gar nicht, dass das das Parlament war... Von der Basilica da Estrela konnte ich nur einen kurzen Blick erhaschen, da sie sich auf der anderen Straßenseite befand. Weiterhin zogen wir an dem Jardím da Estrela vorüber. Diese Gartenanlage merkte ich mir besonders, da ich ihn später auf meinem Fußweg zur U-Bahn-Station durchqueren wollte. Auch die Kirche Igreja do Santo Condestável markierte ich mir mental als Orientierungspunkt. Ich fuhr bis zur Endhaltestelle "Campo Ourique". Hier verließ ich nun die Tram. Ich versuchte, mit dem Stadtplan den Weg zurückzufinden. Allerdings machte ich es mir einfacher und folgte einfach den Schienen zurück. Mir fiel ein Hauseingang auf, der innen komplett mit roten Fliesen verkleidet war. Das sah einfach so cool aus und erinnerte mich auch ein wenig an Gran Canaria und Andalusien. Warum können wir nicht solche coolen Hauseingänge in Deutschland haben? Und dann erblickte ich etwas, das mein Nähmaschinenherz höher schlagen ließ - einen Stoffladen, gefüllt mit lauter in Portugal produzierten, aufgerollten Stoffen, die an der Wand hingen. Leider hatte ich weder Geld übrig, noch Platz in meinem vollgestopften Rucksack, um irgendeinen Stoff mitzunehmen. Aber ich lief staunend durch den Laden, mit Funkeln in den Augen, als wäre ich in einem Schlaraffenland für Nähende. Ich vergaß ein bisschen die Zeit. Und dabei schritt diese nun sehr schnell voran. Kurz nachdem ich den Laden etwas wehmütig verließ, gelangte ich schon zu der Igreja do Santo Condestável. Ich konnte in dem Moment allerdings nicht herausfinden, was für ein Gebäude es nun war. Es faszinierte mich aber irgendwie. Ich versuchte, ein Schild zu finden. Aber nirgends stand der Name geschrieben. Ich erfrischte mich am Wasserspender vor der Kirche. Etwas belebt versuchte ich nun die Straßennamen herauszufinden, um mich weiter an der Karte orientieren zu können. Ich hatte jedoch kein Glück und folgte meiner Intuition. Diese war auch durchaus korrekt, fielen mir doch kurze Zeit später die Türme der Basilica da Estrela ins Auge. Dieses Gebäude war einfach wunderschön wie es da stand - alt, imposant und anmutig.

 

> Pálacio de Sao Bento, Igreja do Santo Condestável & Basilica da Estrela

 

Gegenüber der Basilica strahlten mich die grünen, großen Tore des Jardím da Estrela an. Ich durchquerte diese und staunte über so viel tolles Grün mitten in Lissabon. Ich war verblüfft über einen wahnsinnig großen Drachenbaum, über die riesigen Kakteen und einen recht großen Pavillon, vor dem eine älteres Pärchen auf einer Bank saß. Viel Zeit zum Staunen blieb mir aber nicht. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit bis zum Abflug nun langsam knapp wurde. Ich zog das Tempo meiner Schritte an und gelangte recht fix zu dem Platz "Largo do Rato". Ich konnte allerdings nicht ganz ausmachen, wo sich denn nun der Metro-Zugang befand. Ich fragte eine Einheimische. Sie schlug mir vor, eher den weiter hinten gelegenen Zugang zu nutzen, da ich zu dem anderen schwierig über die Straßen ohne Fußgängerampeln gelangen würde. Gesagt, getan. Schnellen Fußes bewegte ich mich Richtung Metrostation.

 

> Jardím da Estrela

 

Laut meines Metroplans musste ich zunächst mit der gelben Linie fahren und an der Station "Saldanha" dann in die rote Linie umsteigen, die bis zum Flughafen durchfuhr. Auf die gelbe Linie musste ich zunächst ein paar Minuten warten. Ich sortierte schon einmal meine Sachen, verstaute die Kamera wieder im Rucksack und versuchte, so wenig Gepäckstücke wie möglich an mir zu tragen, um möglichst schnell rennen zu können. Es war bereits zehn nach fünf. Mein Flieger sollte 18.15 Uhr in die Lüfte abheben und das Boarding sollte bereits 25 min nach meinem Betreten der ersten U-Bahn starten. Sobald ich in "Saldanha" ankam, rannte ich quer durch die Metrostation, um möglichst schnell eine rote Linie Richtung Flughafen zu erwischen. Jetzt hatte ich zumindest Glück. Recht zeitnah kam die Metro angefahren und ich nahm erschöpft darin Platz. Immer wieder schaute ich auf den Metro-Plan. Wann immer wir einen etwas längeren Aufenthalt an einer Station hatten, wurde ich noch unruhiger. Irgendwie hatte ich vermutet, dass so eine U-Bahn-Fahrt schneller vonstatten gehen würde. Die Zeit wurde immer knapper. Es war bereits 17.35 Uhr. Das Boarding begann also gerade - und ich saß immer noch in der U-Bahn, in der roten Linie. Ich war echt am Durchdrehen. 17.40 Uhr kam ich schließlich am Flughafen an. Und ich rannte, was das Zeug hielt. Quer durch den Aeroporto de Lisboa lief ich so schnell ich konnte. Ich fragte eine Dame an einem Schalter, wo ich hinmusste, da ich schon allein keinen Überblick hatte, zu welchem Terminal ich musste. Die Dame verwies mich auf die Rolltreppen. Sie dachte, ich müsste noch einchecken und meinte, es würde knapp werden. Ich lief und lief und lief und kam schließlich am Sicherheits-Check an. Vor mir stand ein junger Mann, der drei Kisten mit seinen Sachen zur Überprüfung füllte. Ich zog so schnell wie möglich das Nötige aus, um den Sicherheits-Check rasch hinter mich zu bringen, und packte meinen Rucksack ebenfalls in eine Kiste. Über den jungen Mann vor mir dachte ich nur: "Das kann doch jetzt nicht sein Ernst sein...!!!! Kann der nicht mal schneller machen???" Ich war endlich an der Reihe und wurde auch schnell abgefertigt. Ich japste dem Sicherheitsmitarbeiter entgegen: "Sind wir fertig? Das Boarding meines Fluges hat bereits begonnen!" Er bejahte dies und erhaschte noch schnell einen Blick auf meinen Boardingpass, während ich sämtliche Sachen auf meine Arme nahm und vor meiner Brust fest an meinen Körper drückte, vorbereitet auf meinen folgenden Sprint. Der Sicherheitsmitarbeiter erklärte mir den Weg zum Gate 21, während ich schon am Loslaufen war. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Als ich schließlich am Abfluggate ankam, lief mir die Suppe von Stirn bis Hals, mein Herz klopfte als wäre ich einen Marathon gelaufen, ich hatte mit Atemnot zu kämpfen, meine Blase war kurz vorm Platzen, ich war von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt und wie mir in dem Moment auffiel, hatte ich zu allem Übel auch noch meine Blutdrucktablette am Morgen vergessen zu nehmen... und die Fluggäste standen ganz gechillt in der Schlange zum Boarding. Ich dachte, ich seh nicht richtig. Ich war dort fast am Abnippeln und die sind voll entspannt mit ihrem Boarding. Als wir dann zum Bus geführt wurden, der uns zum Flugzeug bringen sollte, gelangte ich langsam wieder zu einer normalen Atmung. Das mit den Schweißausbrüchen wollte sich aber irgendwie nicht beruhigen. Und der Bus stand und stand. Denn es wurde noch auf Fluggäste gewartet. Ich hätte so schön entspannt durch den Flughafen laufen können. Naja, Hauptsache, ich hab meinen Flieger noch erwischt. Als ich schließlich in selbigem saß, war ich heilfroh, als ich über den Wolken endlich was zu Trinken bekommen hatte und mich entspannt zurücklehnen konnte. Zum Schlafen kam ich diesen Flug jedoch nicht wirklich. Völlig erschöpft verließ ich das Flugzeug nach der Landung, wartete ungeduldig auf meinen Koffer und machte mich auf zur U-Bahn, mit der ich bis zur Taunusanlage fuhr. Ich zog meinen Koffer hinter mir her an der lila beleuchteten Alten Oper vorbei bis hin zur Wohnung meiner Cousine, die leider im 3. Stock ohne Aufzug lag. Ich war jedoch sehr erleichtert, nicht mehr nach diesem langen Tag nach Gießen fahren zu müssen. Meine Cousine öffnete eine Flasche Sekt und eine Packung Chips. Wir quatschten noch eine Weile, ich berichtete über meine Erlebnisse und wir tauschten Reiseerfahrungen aus. Maßlos erschöpft gingen wir schließlich ins Bett.

 

> Alter Oper, Frankfurt                                    

 

Am nächsten Morgen ließ mich meine Cousine in ihrer Wohnung zurück, da sie auf Arbeit musste. Ich machte mich in Ruhe fertig, freute mich über die bereit gestellten Schuhe, die ich mitnehmen durfte, und machte mich auf den Weg zu meinem Tattoo-Studio. Dort stand nicht nur mein Auto (und ja, es stand tatsächlich noch - ohne Strafzettel oder Schäden), ich hatte auch einen Tätowiertermin. Nachdem das nächste Kunstwerk unter meine Haut gestochen wurde, holte ich erst einmal eine Ölflasche aus dem Kofferraum, um den Ölstand aufzufüllen. Ein vorbeilaufender Mann bemerkte das und kommentierte: "Oh, selbst ist die Frau!", was ich irgendwie eine dämliche Bemerkung fand. Als ob eine Frau nicht mal Öl nachfüllen könnte. Ist ja jetzt nicht so eine riesige Herausforderung... Nachdem ich meiner Cousine auf Arbeit noch ihren Wohnungsschlüssel vorbeibrachte, trat ich die Heimreise an. Als ich dann jedoch meine vier Wände betrat, wünschte ich mir, wieder auf Madeira zu sein und träumte mich in den Dschungel zurück...


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