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Schwimmen unter Wasserfällen


In dieser Nacht hatte ich wirklich nicht gut geschlafen. Ich war so unglaublich aufgeregt wegen der Wanderung heute. Das klang total spektakulär mit den Wasserfällen. Wesley hatte ja auch Fotos am Vorabend gezeigt, was die Aufregung noch steigern ließ.

Bei meinem wiederum grandiosen und zugleich stärkenden Frühstück gesellte ich mich zu dem italienischen Paar, mit dem es heute auf den Ausflug gehen sollte. In der Küche bat ich um ein Omelette, wobei Wesley mich zwang, Französisch zu sprechen. Das war immer noch ganz schön eingerostet. Aber ich gab mir größte Mühe und das klappte dann auch ganz gut.

Ivan rief mich nach dem Frühstück, um mir mein Mietauto zu übergeben. Kostete nur die Hälfte von den üblichen Preisen auf der Insel. Das hatte aber auch seinen Grund. Das Auto wurde nämlich privat vermietet. Einen Vertrag gab es trotzdem. Ivans Worte "Also wenn da neue Kratzer dazu kommen, merken wir das wohl nicht. Hat ja schon ein paar. Wenn du einen Unfall hattest, werden wir es aber mit Sicherheit sehen." waren richtig stabilisierend. Zum Glück erklärte sich Wesley bereit, zu fahren. Immerhin herrschte hier Linksverkehr. Mit dem war ich zwar aus Neuseeland vertraut, allerdings hatte ich damals noch keinen Führerschein. Ich traute mir aber schon zu, dass ich das schaffen könnte. Wie sich zwei Tage später herausstellen sollte, konnte ich auch auf der linken Straßenseite fahren.

 

Wir fuhren nach Vacoas, wo Wesley aufgewachsen ist. Daher trafen wir auch alle paar Meter irgendjemanden, den er kannte. Die Fahrt wirkte auf mich etwas abenteuerlich. Die Mauritier fahren noch um einiges wilder als die Seychellois. Am Ende meiner Reise sollte ich erfahren, dass alle drei Tage jemand bei einem Autounfall auf Mauritius stirbt. Fand ich bei dem Fahrstil jetzt weniger überraschend. Während der Fahrt klärte uns Wes auf, dass die ganzen Hunde, die ständig auf der Straße liefen, gar nicht wild waren. Sie gehörten tatsächlich immer zu jemandem. Allerdings sind viele Grundstücke nicht durch eine Bezäunung abgegrenzt, sodass sich die Hunde zum gemeinsamen Chillen auf der Straße treffen.

 

Unser Ausflugstrupp begab sich zunächst zum Aussichtspunkt auf die oberen der 11 Wasserfälle. Eigentlich hatten wir eine Tour für die oberen vier Wasserfälle geplant. Hätte ca. 1,5 bis 2 Stunden gedauert. Doch wir waren alle gleichermaßen beeindruckt, sodass wir alle Wasserfälle erklimmen wollten. Die Tour sollte 5 Stunden dauern und 1900 Rupien (also ca. 46 Euro) kosten. Nachdem Anna, Stefano und ich uns schnell einig waren, stiefelten wir los, um etwas zu essen zu besorgen. Die Italiener und ich kauften Bananen und Wasser. Wesley verschwand, um warme Wraps mit kreolischen Linsen zu ergattern.

 

> Aufbruch zur Wasserfallwanderung

 

Als wir auf einen weiteren Bekannten von Wes stießen, wurden wir darin bestärkt, uns für die richtige Tour entschieden zu haben. Der erzählte uns nämlich, dass heute auf der leichteren Tour unzählige Menschen unterwegs waren. Welch ein Glück. Wesley parkte das Auto auf der anderen Seite der Berge, gegenüber von den Wasserfällen. Jetzt hieß es erst einmal Abstieg durch den Dschungel. Wir passierten Mangobäume, einige Palmen und vor allem Guavenbäume, die bei einer solchen Wanderung laut Wes deine besten Freunde seien. Recht hatte er. Guavenbäume sind nämlich unglaublich stabil, selbst wenn ihr Stamm noch jung und dünn ist. An ihnen kann man sich sehr gut festhalten und so durch den Dschungel fortbewegen. Der schmale Weg, der anfangs immerhin noch als Weg erkennbar war, war etwas rutschig. Es hatte die Nacht zuvor geregnet, was auch viele Mücken anzog. Ein Baum war umgefallen und lag mit seinen riesigen Blättern quer über unserem Weg. Wesley sagte: "Wer auf seinen Hintern fällt, zahlt heute Abend das Bier!" Das war ja quasi eine Einladung für mich Tollpatsch. Kaum verließen die Worte seinen Mund, rutschte ich auf den Blättern aus und landete auf meinem Hinterteil.

Der Abstieg dauerte insgesamt ca. 30-40 Minuten. Wir wanderten Wege entlang, die ich nie ohne Wesley gefunden hätte. Lediglich ein anderer Guide lief uns mit einem Pärchen über den Weg. Ansonsten waren wir weit weg von Touristen und wirklich mitten im Dschungel unterwegs. Wesley erzählte uns, dass er diese Wälder wie seine Westentasche kennen würde. Denn als Kind hätte er an den Wasserfällen gespielt. Gemeinsam mit seinen Freunden blieb er den ganzen Tag dort. Sie schwammen unter den Wasserfällen, angelten und machten ein Feuer, wo sie den gefangenen Fisch zubereiteten. Das klang wirklich sehr idyllisch.

 

> Abstieg zu den Wasserfällen - Welcome to the Jungle!

 

Unten angekommen durchquerten wir Wasserläufe - zu Beginn noch mit Schuhen. Ich war erleichtert, dass die Tour bergab nun beendet war. Jeder eingefleischte Wanderer kennt das, dass ein längerer Abstieg furchtbar auf die Gelenke geht, ganz zu schweigen von der Oberschenkelmuskulatur. Ich war jetzt schon klitschnass vor Anstrengung.

Endlich erreichten wir die ersten Wasserfälle. Das frische Rauschen des kühlen Nass beruhigte mich. Die Sonne strahlte direkt auf unsere Gesichter. Ein sehr entspannender Moment. Nach ein paar Momenten des Genusses ging die Tour weiter. Wir kletterten zwischen den Wasserfällen die Felswand hoch. Ich wunderte mich laut, wie wir denn hier wieder zurückkommen sollten. In dem Augenblick hab ich allerdings noch nicht verstanden, dass wir außen herumlaufen würden, wenn wir wieder ganz oben angekommen wären. Daher erlaubte sich Wesley den Spaß, mich zu veralbern und antwortete ganz trocken: "Na genauso wie wir hoch gekommen sind!"

 

> die ersten zwei der elf Wasserfälle

 

Schon bald erreichten wir den dritten Wasserfall, an dem wir eine Schwimm- und Essenspause einlegten. Meinen Bikini hatte ich schon drunter. Ich ließ mich also badebereit sanft an den Felsen ins kühle Wasser gleiten. Stefano war da um einiges cooler. Der begab sich nämlich per Kopfsprung in den Wasserfall-See. Mit meiner Brille ging das natürlich nicht. Und ich wollte schon gern was von meinem Erlebnis sehen können. Ich schwamm Richtung Wasserfall. Zielstrebig folgte ich Stefano, der unter dem Wasserfall durchschwamm. Das wollte ich eigentlich auch gern machen. Aber man glaubt erstens gar nicht, wie unfassbar laut das direkt am Wasserfall ist. Und zweitens sind das solche massigen Kräfte, da hab ich meine Brille schon davonschwimmen sehen. Ich entschied mich also dafür, so nah es ging, heranzuschwimmen. Dann drehte ich noch eine Runde im erfrischenden Naturparadies. Ich kraxelte die Felsen hoch, trocknete mich ab und ließ mich in der Sonne neben Wesley nieder, der mir den Linsen-Wrap reichte. Die Stärkung kam gerade recht. Gut gesättigt machten wir uns bereit, um unsere Tour fortzuführen.

Ich war aber leider nicht so clever wie Anna, die einen Wechselbikini dabei hatte. Bei mir landete also die Kleidung wieder über dem halbnassen Bikini, sodass ich halb durchnässt die Wanderung wieder aufnahm. War aber auch irgendwie erfrischend. Schwitzen würde ich ja eh.

 

> Schwimmpause am dritten Wasserfall

 

Die Tour ging nun überwiegend bergauf. Das war ganz schön anstrengend. Denn einen festen Weg gab es auch hier nicht. Stattdessen nutzten wir Wurzeln und Bäume, um uns den Weg entlang nach oben zu hangeln. An manchen Stellen gab es lose Steine, da mussten wir wirklich aufpassen. Wir passierten zwei weitere Wasserfälle, die wir ganz nah von oben betrachten konnten. Wesley zeigte uns, wie wir uns für ein schickes Foto in ein paar Guavenbäume am Abgrund hineinsetzen konnten. Das war sehr aufregend. Auf dem Bild schaut es gar nicht so gefährlich aus. Aber in Realität waren wir da sehr nah am Hang.

Auf dem weiteren Weg rutschte ich noch einmal aus und landete auf meinem Hintern, da der Boden matschig war. Die Biere heute Abend gingen also definitiv auf mich...

Am höchsten aller Wasserfälle erzählte uns Wesley eine sehr interessante Tatsache. Das Wasserfall-Becken ist von keiner Seite aus von der unteren Ebene zugänglich. Wenn man dort hin will, muss man sich von oben abseilen. Hätte ich ja schon gern gemacht. Schade, dass das nicht mit eingeplant war. Der Blick in die Schlucht, die von grün bewachsenen Felsen und unendlichem Dschungel umhüllt war, ließ mich nach der ganzen Anstrengung eine große Ruhe verspüren. Das ständige Rauschen der Wasserfälle und der Flussläufe, der Singsang tropischer Vögel und diese reine Luft rundeten das Bild ab. Es soll hier wohl auch viele Affen geben, die aber sehr scheu sind und wir daher nicht zu Gesicht bekamen.

Im weiteren Verlauf der Wanderung überquerten wir so einige Male Flussläufe - und zwar barfuß. Die Schuhe wären nur nass geworden und das Risiko auszurutschen wäre mit Fußbekleidung größer gewesen. Nicht so bei unserem Guide Wesley, der spezielle Wanderschuhe trug, mit denen er auch im Wasser großen Halt hatte. Er half uns immer bei der Überquerung, indem er jeden mit der Hand führte. Bei dem nächsten Highlight der Tour tat er dies ebenfalls.

 

> Wasserfall-Wanderung

 

Wir kamen am nächsten, sehr hohen Wasserfall an. Gerade eben liefen wir noch unten am Becken des Wasserfalls durch eine Menge Touristen entlang, nun standen wir allein oben am Flusslauf, aus dem der Wasserfall entstand. Außer uns Vieren war sonst niemand weit und breit zu sehen. Wesley sagte "Zieh dein Shirt aus und stell keine Fragen." Verwirrt folgte ich ihm im Bikini. Das Wasserbett war mit vielen Steinen ausgekleidet, auf denen wir nun barfuß balancierten. Wesley hielt mich sehr fest an der Hand, nachdem mein Blick eher Skepsis durchblicken ließ. Ich Tollpatsch habe mich schon mit Knochenbrüchen den Wasserfall herunterströmen sehen. Passend dazu äußerte Wesley: "JETZT wäre wirklich kein guter Moment, um auszurutschen!" Immerhin hatte ich das ja heute schon zwei Mal geschafft. Behutsam führte er mich Schritt für Schritt bis vor an die Schlucht. Jetzt machte die Geschichte mit dem Shirt ausziehen auch Sinn. Ich sollte mich nämlich an den Rand legen und den Wasserfall herunterschauen. Er machte daraus ein Fotoshooting. Ich genoss einfach nur diesen beeindruckenden Moment. Von oben in den Wasserfall zu schauen, war ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Nachdem ich unverletzt wieder zurück bei meinen Sachen war, waren noch Anna und Stefano an der Reihe.

 

> am Rande des Abgrunds

 

Nach diesem unglaublich coolen Erlebnis ging es nochmal sehr steil bergauf, was mich sehr anstrengte. Unterwegs trafen wir eine Hand voll Touristen, die Wesley nach einem Weg fragten. Sie wirkten sehr geschafft und waren durchaus verärgert, denn sie waren mit einer gebuchten Tour hier. Touren über Reiseagenturen verdienen ihr Geld anscheinend mit vielen Touristen und wenigen Tourführern. Die Wanderer erzählten uns, dass wohl 150 Leute auf einer Tour unterwegs waren, für die lediglich 6 Guides die Verantwortung hatten. Wir waren allesamt schockiert. Hier gibt es keine ausgeschilderten Wege. Außerdem müssen gefährliche Stellen erklärt werden. Und was, wenn sich jemand unterwegs verletzt? Das würden die Guides gar nicht mitbekommen. Wir fanden das unverantwortlich. Anna, Stefano und ich waren sehr froh, dass wir uns für die private Tour mit Wesley entschieden hatten. Er nimmt maximal 6 Leute mit auf eine Tour - nur mal so zum Vergleich. Nach dieser Begegnung entschloss sich Wes dazu, dass wir einen anderen Weg als den geplanten entlanggehen würden, um dieser Masse an Touristen nicht in die Arme zu laufen. "Auf dem anderen Weg kommen wir da nie im Leben hoch, das würde ewig dauern." meinte er. Und er sollte Recht behalten. Wir passierten eine Stelle, an der wir auf die oberen Wasserfälle schauen konnten. Das waren die, die wir bei der kürzeren Tour gesehen hätten. Die Touristen tummelten sich dort wie kleine Ameisen. Es war unglaublich, wie viele Menschen da an den Abgründen zusammengepfercht standen. Das war wirklich einfach nur gefährlich. Während wir weiter zu unserem letzten Wasserfall wanderten, erzählte uns Wesley, dass er selbst einmal miterlebt hat, wie jemand gestorben ist, weil er vom Wasserfall gesprungen und im Wasser auf einem Fels aufgekommen war. An diesen Naturschauspielen ist wirklich etwas Vorsicht geboten.

 

Der letzte Wasserfall dieser Tour sollte nochmal ein Highlight werden. Dort angekommen, entdeckten wir direkt kleine natürliche Auffangbecken, in denen sich kleine Fische tummelten. "Steck mal deine Füße rein!" sagte Wes. Sobald meine geplagten Beine im Wasser waren, versammelten sich alle Fische und begannen - wie in einem Thai-Spa - an meinen Füßen zu knabbern. Andere Leute bezahlen für so eine Wellnessbehandlung jede Menge Geld. Und hier findet man sie einfach in der Natur. Grandios!

Nächste Amtshandlung war es, auch hier nochmal schwimmen zu gehen. Inzwischen begann es, zu regnen. Sehr erfrischend! Ich versuchte, so weit wie möglich an den Wasserfall heranzuschwimmen. Das war leichter gesagt als getan, denn die Strömung von diesen breiten Wassermassen war ganz schön stark. Nach dieser letzten Plansch-Runde stärkten wir uns noch mit den Bananen, um dann unsere letzte Etappe anzutreten.

 

> Schwimm-Stopp am letzten Wasserfall

 

Ich war wirklich erschöpft. Der letzte Teil des Aufstiegs war der steilste. Ich sollte wirklich mehr Sport machen. Als wir endlich oben angekommen waren, dankte ich allen Gottheiten dieser Erde. Das taten auch jede Menge Hindus, die heute ein Fest feierten. Auf dem Weg zum Auto mussten wir durch Massen indischer Menschen durch. Doch das konnte mich gerade überhaupt nicht stören, genauso wenig wie der Regen. Ich war erschöpft, durchnässt und dennoch glücklich. Diese Tour war wirklich grandios. Das i-Tüpfelchen war dann noch das Zuckerrohr. Davon stand jede Menge um uns herum auf Feldern und Wesley fragte, ob wir es schon probiert hätten. Alle verneinten. Daraufhin schlug er uns ein Zuckerrohr und teilte es auf. Essen kann man es nicht. Stattdessen sollten wir darauf herumkauen, um den Saft herauszupressen. Und was mein Gaumen da zu schmecken bekam, war gleichermaßen süß wie lecker. Ein perfekter Abschluss dieses erlebnisreichen Tages.

 

Doch der Tag war ja noch nicht ganz vorbei. Als wir wieder im "Chez Jacques" ankamen, sorgten wir dafür, dass wir in trockene Klamotten kamen. Während das italienische Paar seine Koffer für die Abreise 4 Uhr morgens packte, trank ich beim Schach mit Wesley das erste wohlverdiente Bierchen. Später fuhren wir alle gemeinsam noch nach La Gaulette. Im Surfer Hotspot "Enso's" genossen wir leckere Burger, Bierchen und Maracuja-Rum. Während die Männer in einer größeren Runde Billiard spielten, erweiterte ich mit Hilfe von Anna meine Italienischkenntnisse. Freunde von Wesley trauten sich dann auch im Laufe des Abends irgendwann, sich als Ron und Darren vorzustellen. Darren, der Kitesurf-Lehrer war, meinte lachend, er hätte zu viel Kraft in den Armen, als er die Billiardkugeln über den Tisch hinausschoss. Es war eine sehr lustige Runde. Meine Rechnung wurde sogar von Anna und Stefano übernommen - als Beteiligung an den Autokosten.

 

Ein erlebnisreicher Tag neigte sich dem Ende. Völlig erschöpft wollte ich direkt ins Bett fallen als wir zurück im "Chez Chaques" waren. Da klopfte es an meiner Tür. Wesley bat darum, sich das Auto nochmal leihen zu können. Ein Freund sei gestorben und es würde gerade eine Trauerfeier geben. Mit den Worten "Fahr vorsichtig!" übergab ich ihm vertrauensvoll den Schlüssel und verschwand anschließend ins Träumeland.


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