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Bridge over troubled water


In dieser Nacht sollte meine monatelange Rückenschmerz-Odyssee beginnen. Ich konnte nämlich nicht die Schlafposition wechseln, ohne von den Schmerzen aufzuwachen. Dieses Problem sollte mich das kommende halbe Jahr begleiten. Mein Muskelkater war zudem noch viel schlimmer als am Vortag. Dass Schwester und Schwager heute den Flieger nach Mauritius besteigen würden, hob meine Stimmung allerdings. Ich genoss die vom nächtlichen Regen gewaschene Luft und frühstückte gemeinsam mit dem deutschen Pärchen. Sie gaben mir den Tipp, in Mahebourg auf jeden Fall die Keksfabrik zu besuchen.

Wesley war ebenfalls früh wach. Eigentlich hatten wir am Vortag besprochen, heute eine 2,5-stündige Wandertour auf den höchsten Berg im Black River Gorges Nationalpark zu machen. Da ich auf Grund meines Muskelkaters allerdings wie eine 80-Jährige durch die Gegend lief, entschied Wesley stattdessen, eine Autotour in den Süden zu der natürlichen Brücke zu machen. Ich hatte keinerlei Vorstellung davon, was das sein könnte. Mein Reiseführer verriet mir leider auch nicht die Auflösung. Das hatte auch einen guten Grund.

 

Wir fuhren an der Westküste entlang Richtung Süden. Die Luft roch irgendwie unangenehm. Doch das sollte sich bald ändern. Hinter Le Morne hielten wir an einem Strand. Von dort hatte man (trotz des wolkenverhangenen Himmels) einen tollen Blick auf Le Morne Brabant inklusive der vorgelagerten Insel Ilot Fourneau.

 

> Westküste nähe Baie du Cap

 

Wesley fragte mich, ob ich ab hier weiterfahren wolle. Er kannte ja die Strecke und war der Meinung, dass ich das schon hinkriegen würde. Allerdings wirkte er nicht so als wäre er überzeugt, dass ich tatsächlich selbstständig auf der linken Straßenseite fahren könnte. Woher ich das weiß? Zunächst ließ er mich nicht eigenständig schalten, sondern übernahm das für mich. Inklusive Ansage, wann ich die Kupplung betätigen müsste. Außenstehende hätten wahrscheinlich gedacht, dass ich das erste Mal hinter dem Lenkrad sitze und nicht das erste Mal im Linksverkehr fahren würde. Als Wesley mir dann noch ständig sagte, wann ich denn abzubremsen hätte, weil da eine Bodenwelle kam (davon gab es zugegebenermaßen sehr viel auf Mauritius), bin ich mal kurz ausgeflippt. "Du weißt aber schon, dass ich einen Führerschein habe und durchaus weiß, wie man fährt!?" Daraufhin fasste er etwas mehr Vertrauen. Nach kurzer Zeit bemerkte er, dass ich das wirklich gut konnte und kümmerte sich um einen Auftrag als Guide: "Ich pass dann jetzt nicht mehr auf, was du machst, ja? Ich bin jetzt mit meinem Telefon beschäftigt." Ich stimmte zu und war erleichtert, dass ich nun in Ruhe fahren konnte. Hat auch wirklich Spaß gemacht. Schwieriger als im Rechtsverkehr ist das jetzt auch nicht. Ist lediglich eine Gewöhnungssache. Ich muss außerdem gestehen, dass ich seit dieser Erfahrung ein ganz anderes Einschätzungsvermögen habe bezüglich der Fragestellung, ob mein Auto genug Platz hat in einer Lücke. Auf Mauritius fährt man nämlich sehr eng beieinander. Kurz vor unserem nächsten Ziel wechselten wir allerdings wieder den Fahrer. Die Straßenverhältnisse änderten sich stark, da löchrige Feldwege durch Zuckerrohrplantagen und Bananenstauden führten. Das war wahrlich eine "Piste". Ich wusste noch nicht, wo wir hinfahren würden. Hinter den Zuckerrohrfeldern tat sich eine Ansammlung von Bäumen auf. Wir folgten dem Weg und kamen an dem breitesten Wasserfall von Mauritius heraus - den Rochester Falls. Das war aber wohl noch nicht die natürliche Brücke.

Wir waren nicht allein. Eine Gruppe von Leuten kletterte an den Felsen hinauf, die wie eckige Pfähle aneinander gereiht den Wasserfall umschlossen. Sie kühlten sich ab im rauschenden Nass. Ich genoss den Blick auf die gestalterischen Fähigkeiten der Natur.

 

> Rochester Falls

 

Der nächste Halt sollte nun aber wirklich die natürliche Brücke sein. Ich hatte immer noch keine Ahnung, was das sein sollte. Der Weg führte uns über eine noch schlechter zu befahrende Piste zwischen Zuckerrohrfeldern hindurch. Am Ende sah man auf einem Stein die Richtung zur "Pont Naturel" aufgemalt. Aber man musste erstmal wissen, dass man bis hierher kommen musste. Denn das war der erste Wegweiser, den ich sah. Wir stellten das Auto auf dem erdigen Parkplatz neben wenigen anderen Autos ab und folgten zu Fuß dem Weg Richtung Meer. Der Anblick, der mich dort erwartete, war einfach unbeschreiblich. Aus Vulkangestein hatte sich eine Brücke über riesigen, gegen die Klippen preschenden Wellen gebildet. Dieser heftige Wind, der salzige Film auf den Lippen, das kraftvolle Meer - das alles löste in mir ein absolutes Freiheitsgefühl aus wie ich es schon am Cape Reinga in Neuseeland erleben durfte. Ich fühlte mich frei, lebendig, unbesiegbar. Ein wahrhaft magischer Ort.

Allerdings fiel mir auf, dass sich nur wenige Menschen hierher verirrten. Das hatte auch einen Grund. Die Mauritier möchten diesen wunderschönen Ort gern vorm Massentourismus bewahren. Daher teilen sie diesen Ort nur mit ausgewählten Menschen. Das erklärte auch, wieso die Pont Naturel nicht in meinem Reiseführer zu finden war. Ein großer Touri-Bus könnte die Piste eh nicht entlangfahren. Wer sich also auch hierher verirren möchte, sollte einen Taxifahrer nach der Pont Naturel fragen. Ich wüsste jedenfalls nicht mehr, wo sie genau liegt.

 

Nun wollte ich die vulkanische Brücke aber nicht nur bestaunen, sondern auch mal darüber laufen. Sie sieht von der Klippe aus viel schmaler aus als sie eigentlich ist. Dort hinüberzulaufen ist relativ ungefährlich, wenn man festes Schuhwerk an den Füßen hat. Mit Flipflops würde ich mich da allerdings nicht hinüber wagen. Das Vulkangestein hinterließ den Eindruck einer Marslandschaft, über die wir nun stromerten. Überall um mich herum waren riesige Wellen. Die weiße Gischt verschmolz mit den Wolken, wenn sie an den Felsen hochgetrieben wurden. In diesem Spektakel bildeten sich sogar Regenbögen. Ich konnte davon gar nicht genug bekommen. Ich war Wesley unfassbar dankbar, dass er mich an diesen magischen Ort geführt hatte. Ich hätte ewig hier bleiben können. Doch irgendwann war es Zeit, wieder aufzubrechen.

 

> Pont Naturel

 

Unser letzter Halt sollte in Blue Baie sein. Wie ich hier herausfand war das wohl sehr nah an der Unterkunft, in der ich in meiner letzten Nacht unterkommen würde. Auf dem Weg durchquerten wir eine Allee. Die Bäume sahen sehr lustig aus, denn von ihnen hingen jede Menge Lianen. Wesley sagte, wir würden hier später nochmal vorbeikommen, sodass ich ein Foto machen könnte. Ich glaube, das hatte er wohl später vergessen. Leider kamen wir hier nicht nochmal vorbei.

In einem Lokal am Strand ließen wir uns was zu Essen bringen. Wesley bestellte "Le bol renversé" (also die gestürzte Schale). Das Besondere daran ist, dass die gewünschte Beilage zum Reis (Gemüse, Fleisch, Soße) als erstes in eine Schüssel gefügt wird. Darüber kommt der Reis. Dann wird das Ganze wie ein Gugelhupf gestürzt. Richtig gut! Ich entschied mich für Hühnchen, Pilze, Shrimps und Gemüse als Beilage. Richtig, richtig lecker!!! Sollte man auf Mauritius in jedem Fall mal probiert haben. Die Shrimps hatte ich allerdings nicht als solche erkannt. Die sahen ganz anders aus als die, die ich sonst auf dem Teller hatte. Irgendwie wie Geschlechtsteile irgendeines Tieres. Das fand ich kurios. Schmeckte allerdings tatsächlich nach Shrimps. Und Wesley meinte auch, es wären welche. Irritiert und gesättigt begab ich mich mit Wes zum Strand, wo wir eine Weile einfach die Sonne und das schöne Wetter genossen. Während Touristen von ihren Bootstouren kamen, waren wir auf meiner Decke für eine Weile eingeschlafen.

 

> Blue Baie

 

Nachdem ich mir ein Eis gönnte, begaben wir uns auf den Rückweg. Da inzwischen ziemlich viel Verkehr auf den Straßen herrschte, wurde Wes immer genervter. Zwischenzeitlich erhielt er einen Anruf, sodass ich mal eben lenken und schalten sollte. Das hat auch hervorragend funktioniert (Nicht Zuhause nachmachen!). Da hatte mein Guide wohl doch das Gefühl, dass ich Auto fahren könnte. Von dem kleinen Honda mussten wir uns allerdings verabschieden, als wir im "Chez Jacques" angekommen waren. An diesem Abend wurde erneut ein Dinner von der Unterkunft aus organisiert. Das war wieder einmal sehr lecker und total familiär. Plötzlich hatte ich allerdings einen Hundekopf zwischen den Beinen. Tuffy versuchte wirklich an jeder Ecke etwas fressbares zu erbetteln. Und so landete ihr Kopf auf meinen Oberschenkeln. Erst erschrocken, dann belustigt, musste ich dieses Ereignis erst einmal fotografisch festhalten.

Nach dem Dinner gingen das deutsche Pärchen vom Frühstück (Antonia und Matze), die deutsche Psychologenkollegin Eva, Wesley und ich noch rüber ins Hotel Tamarin. Man erinnere sich, dass ich von diesem Restaurant kein Fan war. Allerdings gab es an diesem Abend eine Sega-Show, die regelmäßig für Touristen gezeigt wird. Sega ist ein traditioneller Tanz auf Mauritius und wird an vielen Orten stolz in zugehöriger Kleidung und mit Live-Musik vorgeführt. Leider kamen wir etwas spät und haben nicht mehr viel davon mitbekommen, sodass die Abendbeschäftigung wieder auf Schach spielen hinauslief.

 

> Dinner im Chez Jacques

 

> Sega-Vorführung im Hotel Tamarin


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