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Hoch hinaus auf Le Morne Brabant


Bereits 6 Uhr erwachte ich. Ich blinzelte unter meiner Bettdecke hervor und erkannte auch ohne Brille, wo ich war. Ich erinnerte mich, dass ich mich halb unfreiwillig auf Mauritius befand, woraufhin mich das Gefühl absoluter Unlust überschwemmte. Ich zog mir die Decke wieder über den Kopf und weigerte mich, aufzustehen. Zwei Stunden später sah ich schließlich ein, dass es keinen Sinn machte, sich den ganzen Tag im Bett zu verstecken. Stattdessen sollte ich mich doch mal aus den Federn schwingen und die Plätze erkunden, die ich mir vor meiner Reise mit Hilfe meines Reiseführers herausgesucht hatte. Schon bald saß ich frisch geduscht am Frühstückstisch, von dem ich sehr begeistert war. Neben Rührei gab es Baguettescheiben, frische Ananas und Papaya, Butter, Käse, Marmelade und Saft. Kaffee können sie auch in Mauritius nicht - für die italienischen Hausherren mit Sicherheit recht frustrierend. Nach meiner Stärkung schaute ich mir das von Ivan angebotene kleinere - und günstigere - Zimmer an. Ich befand es für gut und packte sogleich meinen Koffer, den Ivan nach Erledigung des Housekeepings in mein neues Zimmer befördern würde. Auf diese Weise konnte Ivan mein altes Zimmer neu vermieten und ich mich auf Entdeckungsreise zu Le Morne Brabant begeben.

Da ich den von Ivan angebotenen Mietwagen so kurzfristig nicht bekommen konnte, machte ich mich per Bus auf den Weg nach Le Morne. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich in den richtigen Bus einsteigen würde und fragte daher die zwei Damen, die an der Haltestelle saßen. Sie standen mir hilfsbereit zur Seite. Beim Einsteigen war ich zunächst irritiert. Ich wollte beim Busfahrer bezahlen. Allerdings saß vorne an der Scheibe neben dem Busfahrer noch ein Herr. Er hielt einen klimpernden Beutel in der Hand. Als ich sagte, wo ich hinwill, schob mich der Beutelmann ins Businnere und sagte, ich solle erstmal Platz nehmen, er würde mich gleich abkassieren. Sowohl er als auch die Innenausstattung des öffentlichen Transports wirkte sehr indisch. Der Bus rollte rasant los. Während der Fahrt ging der Beutelmann zu jedem eingestiegenen Fahrgast, um ein Busticket zu verkaufen. Ich war fasziniert, wie er sich merken konnte, wer gerade eben erst eingestiegen war und wen er schon abkassiert hatte. Ich zahlte lächerliche 31 Rupien (also ca. 77 Cent) für meine Fahrt. Wenn jemand die Stop-Taste drückte, erklang ein quiekendes Geräusch, dass an eine Spielzeugsirene erinnerte.

 

> Start in den Tag

 

Nach guten 20 Minuten Fahrt hielt der Bus direkt am Weg, der zum Track führte. Das nicht zu übersehende orange Schild verriet mir, dass ich erstmal noch 1,5 km laufen müsste, um den Zugang zum Erklimmen des 556m hohen Le Morne Brabant zu erreichen. Immer wieder fuhren hupende Taxis - vollgestopft mit indischen Familien - an mir vorbei. Sie fuhren so langsam, dass sie kaum schneller waren als ich zu Fuß. Das lag an den gefühlt hundert Schlaglöchern pro gefahrenem Meter. Dieser Weg war ziemlich öde und es roch auch nicht gut. Ich konnte allerdings in weiter Ferne schon einige Kitesurfer in Aktion sichten.

Beim Betreten des Aufstiegs musste sich jeder Wanderer in eine Liste eintragen. Auf diese Weise kann man nachvollziehen, falls jemand unterwegs verloren geht.

 

> auf dem Weg zu Le Morne Brabant

 

Anfangs bin ich noch recht gemächlich vor mich hingeschlendert. Schon wieder war ich etwas bedrückt, weil die Flora hier ganz anders ist als auf den Seychellen. Den Weg säumten u.a. jede Menge Büsche und Tamarindenbäume - die Bäume, dessen Früchte für diesen ekelhaften Saft am Vorabend verantwortlich waren. Hob meine Stimmung jetzt nicht unbedingt. Doch schon bald hatte ich keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Denn plötzlich ging es steil bergauf. Jetzt bereute ich, am Vortag geraucht zu haben. Ich hatte wenig Luft, die Sonne prallte auf mich hinab und ich schwitzte endlos. Immer wieder legte ich Pausen ein und verringerte meinen Wasservorrat immens. Also wenn ich mit diesem Aufstieg nicht sämtliche Cellulite verbrannt habe, dann weiß ich auch nicht.

 

> Aufstieg zu Le Morne Brabant

 

Schließlich erlangte ich den ersten Aussichtspunkt und war total fasziniert. Ich konnte wirklich nicht zählen, wie viele Kitesurfer da auf dem Meer unterwegs waren. Ich sah viele kleine bunte Punkte, die sich um die Südküste tummelten. Es sah aus, als hätte jemand Konfetti auf dem Meer verstreut. Auch der ominöse Unterwasser-Wasserfall erweckte meine Aufmerksamkeit. Die totale optische Täuschung sieht man aber nur aus der Luft vor der Küste. Doch man konnte die Stelle ausmachen, wo es den Eindruck eines Wasserfalls unter Wasser erwecken sollte. Das Meer war türkisblau. Ich musste nun doch zugeben, dass ich ein wenig beeindruckt war. Der schweißtreibende Aufstieg hatte sich für diese Aussicht durchaus gelohnt. Ich ging noch ein Stück weiter an diesem Aussichtspunkt und entdeckte eine Bank auf einem Hügel. Darauf saßen drei Jugendliche, die schon eine Weile Rastpause machten. Ich fragte, ob sie was dagegen hätten, wenn ich dazukäme. Sie wollten aber wohl eh wieder aufbrechen. So erklomm ich die nicht befestigte, wacklige, rostige Bank, über welche ich mich sogleich sehr amüsierte. Sowas konnten auch nur Mauritier da hinbauen. Von hier aus konnte man nun den Norden von Le Morne und somit die Westküste entlangschauen. Hinter der Ile aux Benitier lag Tamarin, von wo ich vor einiger Zeit aufgebrochen war. Außerdem konnte man die grün bewachsenen Berge des Black River Gorge Nationalparks bestaunen. So langsam freundete ich mich doch mit Mauritius an.

 

> Aussicht von Le Morne Brabant

 

Der Aufstieg war jedoch noch nicht zu Ende. Auf meinem weiteren Weg begleiteten mich smaragdgrüne Fliegen und intensiv-violette Schmetterlinge. Ein riesiges Schild wollte darauf aufmerksam machen, dass hinter diesem Punkt nur erfahrene Wanderer den Weg fortführen sollten. Gut, Kinder würde ich hier nicht weiterlaufen lassen, aber solange man festes Schuhwerk an den Füßen trägt, gibt es eigentlich kein Problem. Doch dann endete der Weg plötzlich vor einem dunkelgrünen Zaun. Einige Spanierinnen wunderten sich mit mir, ob die Wanderung hier nun vorbei sei. Von weiter unten sah es so aus als sei dies eine Aussichtsplattform. Tatsächlich war es aber die Absperrung zum sehr viel schwierigeren Teil des Aufstiegs, zu dem nur Bergführer Zugang hatten. Alleine durfte man da nicht hoch. Das schien aber so einige nicht zu interessieren. Ein junger Mann kam gerade hinter der Abzäunung den Berg hinunter und rief einem Erwachsenen zu "Warum, Papa?". Dieser zwängte sich hinter dem Zaun entlang. Das sah ganz schön gefährlich aus, er rutschte auch aus und blieb in den Büschen mit seinem T-Shirt hängen, welches daraufhin ein Loch hatte. Da sind bestimmt schon einige heruntergestürzt. Vater, Sohn und Tochter erzählten mir, dass sie sich für den Aufstieg durch ein Loch unter dem Zaun durchgezwängt hätten. Sie wiesen auf eine Felswand, an der bunte Punkte wie Ameisen hochkletterten. Ihr Ziel war das Metallkreuz auf der Bergspitze. Erschrocken blieb mir der Mund offen stehen. Das hatte mit Wandern nicht mehr viel zu tun. Das war eindeutig Klettern. Und darauf war ich nicht eingestellt. Ich hatte schlichtweg zu viel Gepäck. Die Spanierinnen reagierten ebenfalls schockiert: "Die Leute haben einfach keinen Respekt vor Absperrungen! Tot bringt dir ein Foto auch nichts." Ich dachte nur "Recht haben sie!" und verzichtete dankend auf den weiteren Aufstieg.

 

> Aufstieg zu Le Morne Brabant

 

Stattdessen ging ich mit der deutschen Familie gemeinsam wieder nach unten. Sie verbrachten hier ihren letzten Urlaubstag und gaben mir einen Tipp für Pamplemousse. In der Nähe vom Botanischen Garten könne man wohl das beste Vanille-Eis der Welt genießen. Sie sollten Recht behalten.

Irritierend fanden wir alle eine junge Frau, die in Hotpants, bauchfrei und mit Flipflops bekleidet gerade zum Aufstieg aufbrach. Wer geht denn bitte in so einem Outfit wandern? Unten angekommen, trugen wir uns alle wieder aus der Liste aus. Ich schloss mich der Familie weiterhin an, denn ihr Hotel lag auf der anderen Seite von Le Morne. Und ich wollte schon noch gern was von der Halbinsel sehen, bevor ich zurück nach Tamarin fuhr. Wir passierten angelnde Männer und die wahnsinnig vielen Kitesurfer, die ich schon von Le Morne Brabant als kleine Konfetti-Punkte gesehen hatte. Es machte den Eindruck, dass man einfach herkommen und Kitesurfen lernen könne. Das merkte ich mir und wollte das später gern ausprobieren. Dazu kam es aber leider nicht. Um Kitesurfen zu lernen, muss man schon viel Übungszeit mit einplanen. Das geht nicht mal eben in ein paar Stunden oder Tagen. Irgendwann werde ich das aber noch in Angriff nehmen. Die Familie erzählte mir, dass sie viele Wassersportarten ausprobiert hätten. Das könne man wohl in Le Morne sehr gut. Wir verabschiedeten uns schließlich an ihrem Hotel. Die Mama wartete schon beim Mittagessen.

 

> Le Morne entdecken

 

Ich lief weiter zum öffentlichen Strand. Nun hatte ich mir auch was zu essen verdient. Glücklicherweise gab es hier einen Imbiss, an dem ich mir "filao", also weißen Thunfisch mit kreolischer Sauce, Salat und Pommes gönnte. Super mega lecker!!!

Für den Strand war ich glücklicherweise vorbereitet. Im Bikini ließ ich mich auf meiner Picknickdecke unter den Nadelbäumen nieder. Der Himmel erstrahlte in intensivem azurblau, die Sonne sorgte für eine Vitamin-D-Ausschüttung bei mir und so entspannte ich einfach für eine Weile. Nach einiger Zeit hörte ich Getrommel, Geklatsche und Gesänge. Ich nahm an, dass das mit dem heutigen Hindu-Feiertag zusammenhing. Als ich aber später meine Sachen zusammenpackte und weiter den Strand entlangschlenderte, stieß ich auf die Gesangsgruppe. Das waren allerdings keine Hindus, sondern Mauritier, die hier Sega musizierten.

 

> öffentlicher Strand von Le Morne

 

Ich folgte weiter der Küstenstraße. Dabei passierte ich jede Menge Hotels und sah den Mont Brabant nochmal aus anderen Perspektiven. Ich versuchte wirklich, das eiserne Kreuz ausfindig zu machen. Aber ich konnte es beim besten Willen nicht entdecken. Die Straße zog sich ganz schön in die Länge. Wie immer sah der Weg auf der Karte wesentlich kürzer aus als in Wirklichkeit. Aus einer Ausfahrt bog ein Auto. Am Steuer saß eine Frau. Ich überlegte kurz, ob ich sie fragen sollte, ob sie mich mitnehmen könnte, verwarf den Gedanken aber direkt wieder. Doch die Frau hielt von selbst und bot mir an, mich mitzunehmen. Laura stellte sich mir als Engländerin vor, die mit einem Halbmauritier verheiratet sei und deshalb seit drei Jahren hier lebte. Sie kam gerade aus England zurück, wieso sie an ihrem Auto erstmal Scheibenwischer und Blinker verwechselte. Da sie gerade auf dem Weg zum Einkaufen war, könnte sie mich an der Bushaltestelle absetzen. Laura gab mir außerdem den Hinweis, dass man auf Mauritius ohne Probleme trampen könnte. Die Insulaner seien alle sehr freundlich und hier wäre es auch sicher. Einfach den Daumen raushalten und irgendwer nähme einen mit Sicherheit mit. Ich wurde bei der Bushaltestelle herausgelassen, wofür ich sehr dankbar war. Denn der verbleibende Weg war doch noch ganz schön weit gewesen. Vorbeilaufende Jugendliche gaben mir freundlicherweise die Auskunft, dass der nächste Bus ungefähr 10 Minuten später fahren sollte. Allerdings war heute Feiertag. Am Feiertag fahren die Busse sehr viel seltener. Als es immer später wurde, wurde ich langsam nervös. Denn mein Reiseführer sagte, dass die Busse in der Regel nur bis Sonnenuntergang verkehren würden. Ein ebenso auf den Bus wartender Inder beruhigte mich jedoch, dass der Bus schon käme. Er wolle ihn ja auch nehmen. Eine dreiviertel Stunde später kam der gleiche Bus mit dem gleichen Busfahrer und gleichem Kassierer. Die Fahrt fand ich sehr irritierend. Während ständig betrunkene Menschen ein- und ausstiegen, rochen die Menschen um mich herum nicht sonderlich gut. Der nächste Mann stieg noch während der Fahrt aus. Es wurde gesungen und diskutiert und fast noch jemand über den Haufen gefahren. War ich froh, als ich den Bus verlassen konnte. 

 

Im Chez Jacques bezog ich mein neues Einzelzimmer, während im Hof schon die Vorbereitungen für das BBQ liefen. Ich war sehr gespannt. Es roch schon so unglaublich lecker. Ich entspannte in der Hängematte am Feuer bis das Abendessen fertig war. Denn im Gegensatz zu den Seychellen kühlt es auf Mauritius nach Sonnenuntergang ab. Ivan teilte mir noch mit, dass ich den Mietwagen am nächsten Morgen 09:30 Uhr bekommen könnte.

Die Hunde spielten und Ivan und Valentina luden alle Gäste zur Tafel. Es war unglaublich, was sie da vorbereitet hatten. Die Atmosphäre war sehr familiär - ein unglaublich geselliger Abend mit Südafrikanern, Italienern, Deutschen, Franzosen und Mauritiern. Nach dem Essen versammelten wir uns alle noch am Feuer. Dort planten wir spontan eine Wasserfall-Wanderung für den nächsten Tag. Denn schon übermorgen würde das italienische Pärchen abreisen, die mich animierten, dass wir diese Wanderung zusammen machen könnten. Ich hatte glücklicherweise den Mietwagen für den morgigen Tag und der hier wohnende Guide Wesley war auch noch nicht gebucht. Die Planung für den kommenden Tag stand also. Vollgefressen, erschöpft und aufgeregt bettete ich mich sodann.

 

> Abend im Chez Jacques


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