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Romeo und Julia - die Babyversion


Da ich vor Aufregung schlecht geschlafen hatte, brachte ich völlig übermüdet meinen erstaunlich leichten Koffer zu meinem Auto. Ich hatte dazugelernt von meiner Madeira-Reise...Keine schweren Jacken einpacken!!! Ich kaufte noch schnell ein Schloss für meinen Koffer und fuhr gemütlich Richtung Frankfurt. Mein Flieger hob erst halb sechs abends ab, wodurch ich einen guten Zeitpuffer einplanen konnte. Dieses Mal hat mein Auto auch nicht herumgesponnen. Das würde es erst 22 Tage später tun. Der Parkplatz bei meinem Tätowierer, auf dem ich während meiner Madeira-Reise geparkt hatte, war dieses Mal leider nicht frei. Aber ich hatte ja noch eine zweite Option. Ich folgte dem Tipp meiner Cousine und schon war mein Fahrzeug für die nächsten drei Wochen kostenfrei untergebracht. Ich zog meinen quietsch orangefarbenen Koffer hinter mir her und bugsierte ihn zur S-Bahn. Auch hier war diesmal das Glück auf meiner Seite. Keine Ausfälle oder andere Besonderheiten. Ich kam also sehr entspannt am Flughafen an, checkte ein und holte mir erstmal einen Kaffee. Das war auch gut so, denn ich wusste noch nicht, dass es die kommenden Wochen eine Herausforderung werden würde, an guten Kaffee zu kommen. Nun war ich aber anscheinend etwas zu entspannt, denn als ich von meinem Stuhl aufstand, um zum Gate zu gehen, ließ ich meine neue, 130€ teure Khujo-Jacke dort liegen. Das fiel mir allerdings erst auf als ich am Gate B43 angelangt war. Innerlich schon verzweifelnd ging ich auf einen scheinbar unbeschäftigten Mitarbeiter zu, erklärte ihm die Situation und fragte, was ich machen könne. "Naja, also zurück quer durch den Flughafen...dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Aber ich kann dir die Telefonnummer vom Fundbüro geben." Ich rief also direkt dort an über das Telefon des Mitarbeiters namens Majid. Der Mann am anderen Ende der Leitung gab mir eine erneute Telefonnummer. Auch dort versuchte ich schon mal zu erfragen, ob meine Jacke gefunden wurde. Allerdings ohne Erfolg. Ich sollte doch die nächsten Tage nochmal anrufen. "Ähm, ja, also da bin ich auf den Seychellen. Das könnte ein wenig teuer werden.". Ich hatte nicht wirklich die realistische Hoffnung, dass jemand eine so teure Jacke abgeben würde anstatt sich darüber zu freuen. Drei Wochen später machte ich genau diese Erfahrung, denn meine Jacke wurde natürlich nicht abgegeben. Ich ging zurück zu Majid, der immer noch recht unbeteiligt dort saß. Der Flieger verspätete sich auf Grund von starkem Regen. Majid bat mich, dort zu bleiben und mich mit ihm zu unterhalten. "Sonst schlafe ich gleich ein" fügte er hinzu. Er war wohl ähnlich übermüdet wie ich. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns bis tatsächlich das Boarding losging. Dank Majid habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Flugzeug als erster Passagier betreten. War schon ein cooles Gefühl.

Als allererstes versorgte ich meine von Neurodermitis geplagten Augenlider mit der entsprechenden Salbe. Diese hatte ich eigentlich nur provisorisch neu verschreiben lassen. Doch prompt gab es einen erneuten Ausbruch.

In der mittleren Reihe saßen zwei dreiköpfige Familien hintereinander, direkt neben mir. Beide hatten ein Baby dabei, ein Junge und ein Mädchen. Die beiden haben sich erstaunlich gut während des Fluges geschlagen, ließen sich gut bespaßen (auch von mir) und flirteten heftig miteinader herum. Es war als würde man Romeo und Julia sehen, nur eben die Baby-Version. Mit der Mutter des kleinen Kerlchens kam ich häufiger ins Gespräch. Die englische Familie wanderte tatsächlich gerade auf die Seychellen aus. Die Vorbereitungen hatten sie aber so sehr erschöpft, dass ihnen immer wieder die Augen zu fielen. Doch der kleine Racker ließ nicht locker und hielt seine Eltern ordentlich auf Trab. Das Panaroma außerhalb des Flugzeugs erweckte meine Aufmerksamkeit. Wir überflogen die Alpen, welche ein grandioses Bild lieferten.

Endlich gab es etwas für den Magen, was sättigte und für Flugzeugessen verhältnismäßig gut war. Es gab Nudeln, Laugenbrötchen, Cracker mit Butter, Krautsalat, sowie Himbeermousse mit Schokokuchenboden. Himbeeren esse ich eigentlich nur, wenn ich keine andere Wahl habe, ich bin kein sonderlich großer Fan. Aber das war echt richtig lecker. Das Flugzeugpersonal von Condor war allerdings beim Einsammeln der Tabletts genauso langsam wie beim Austeilen, was mich etwas nervte. Außerdem schienen sie recht unachtsam. Mehrfach wurden Leute aus Versehen geschubst, ein Mal fast mein Fuß eingeklemmt.

Im Schein des Sonnenuntergangs entschloss ich mich, mein neues "Reisekissen" umzubinden, um mich schlafen zu legen. Es ist kein Kissen im herkömmlichen Sinn, sondern eher ein Schal, in dem eine Kopfstütze eingearbeitet ist. Doch leider fand ich mit meiner superbequemen Kopfstütze keinen Schlaf. Denn hinter mir saß ein französisches Klugscheißer-Pärchen. Sie würden jetzt das sechste Mal auf die Seychellen fliegen und gaben dem deutschen Familienvater, der neben mir saß, Tipps für Ausflugsziele. Ich dachte nur: "Komisch, wieso weiß ich das alles schon, was sie da erzählen?....Ach ja richtig, es steht alles in meinem Reiseführer.". Natürlich fand ich später heraus, dass ihr Kommentar absolut berechtigt war, dass die Seychellen Suchtpotential hatten. Doch in diesem Moment, in dem ich mich einfach nur meiner Müdigkeit hingeben wollte, empfand ich das als ziemlich nervig. Die Romeo-und-Julia-Babies schliefen irgendwann seelenruhig in den Armen ihrer Mütter und die Klugscheißer hinter mir waren auch endlich ruhig. Dann fand auch ich für die kommenden vier Stunden etwas Schlaf.

 

> Flugreise Richtung Seychellen


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