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Wie ich ungewollt zum Beerdigungsgast wurde


Nach vier Stunden recht ruhigem Schlaf, erwachte ich durch die trockene Luft im Flugzeug. Nackenschmerzen hatte ich dank meines neuen "Reisekissens" überhaupt nicht. Die Empfehlung für dieses Produkt geht definitiv an jeden, der im Flieger oder im Zug gern mal ein Nickerchen macht. 40 Minuten später wurde dann schon Frühstück serviert. Konnte man durchaus essen. Es gab ein Brötchen mit Wurst, Käse, Marmelade und einen Joghurt.

Nach weiterer Bespaßung der nun wieder erwachten Romeo-und-Julia-Babies und insgesamt 10 Stunden Flug landeten wir etwas vespätet am Flughafen in Mahé. Durch die Verspätung war es inzwischen schon hell auf den Seychellen. Der Flughafen ist wirklich niedlich - kein Vergleich mit dem Frankfurter Flughafen. Hätte ich hier eine Jacke liegen lassen, hätte ich sie locker schnell holen können.

Man läuft einfach über das Rollfeld, um zu den Ankunftsschaltern zu gelangen. Ich liebte meine neue Bauchtasche jetzt schon. Kein Rumgekrame im Rucksack, um wichtige Dinge wie den Reisepass oder Geld zu suchen. Ich hatte alles nah bei mir und mit einem Griff zur Hand. Nachdem ich meinen Einreisestempel im nagelneuen Reisepass hatte, suchte ich zunächst eine Wechselstube. Die Dame an der Information half mir weiter. Ebenso mit der Auskunft bezüglich der Bushaltestelle. Doch erstmal Geld tauschen. Ich entschloss mich, erstmal nur die Hälfte der eingeplanten Summe zu wechseln. Das sollte sich als weise Entscheidung herausstellen, denn in dieser einen Woche brauchte ich diese nicht einmal komplett auf. Die Geldwechseldame war nicht sonderlich gesprächig, stempelte irgendwelche Papiere, die bestätigten, dass ich nun mehrere tausend Rupien bekam. Dieses Dokument musste ich nun noch unterschreiben und schon konnte ich motiviert Richtung Bushaltestelle spazieren. Ich passierte mit meinem quietsch-orangefarbenen Koffer den Taxistand, an welchem mich die Fahrer überzeugen wollten, ein Taxi zu nehmen. Doch ich wollte unbedingt mit dem Bus fahren. An der Haltestelle musste ich nicht lang auf den Bus nach Victoria warten. Ich quetschte mich mit dem Koffer die Treppchen hoch, zahlte meine 5 Rupien für die Fahrt, die in einer der Plastikbeutel pro Münzwert landete, und platzierte mich in der hintersten Reihe. Außer mir befanden sich ausschließlich Seychellois im Bus, die mich etwas merkwürdig anschauten. Später fand ich heraus, dass sonst auch andere Touristen häufig die Busse hier nutzten. Daran konnte es also nicht liegen. Ich denke, es hing eher damit zusammen, dass sonst keiner so bekloppt ist und vom Flughafen mit riesigem Koffer per Bus in die Stadt fährt. Schnell ließ ich diese Gedanken weiterziehen, denn ich war mit einer Reizüberflutung beschäftigt. Wir passierten Mangroven und Granitfelsen, die mitten am Straßenrand standen. Dschungel, aus dem eher verarmt wirkende Häuser ragten, wuchs direkt bis an die Fahrbahn heran. Der Bus, über den quer "TATA" geschrieben stand, fuhr für meine Begriffe über die Geschwindigkeitsbegrenzung um die Kurven und hupte ständig. Allerdings schien er Schwierigkeiten mit den Anstiegen zu haben, da versagte er nämlich kläglich und hinterließ fortlaufend den Eindruck, dass er nicht über den Berg käme. Der absolut krasseste Eindruck, der mich die ganze Woche lang begleiten sollte, war allerdings der Geruch. Die Luft der Seychellen duftet unglaublich gut - blumig, fruchtig, würzig. Es ist schwer zu beschreiben, denn ich habe noch nie zuvor eine solche Luft geschnuppert. Es fiel mir allerdings auf: Ich habe nicht eine einzige miefende Person getroffen. Es scheint, dass dies an der hohen Luftfeuchtigkeit liegt. Ich genoss den Fahrtwind und den Duft der Luft, der durch den Bus wehte. Neben mir saß eine gestandene Dame. Ich fragte sie, ob sie mir Bescheid sagen könnte, wenn wir in Victoria sind und ich aussteigen muss. Sie war sehr hilfsbereit und zeigte mir am Busbahnhof der Hauptstadt sogar, zu welchem Busbahnsteig ich nun musste, um meinen Bus nach Beau Vallon nehmen zu können. Nach kurzem Warten zahlte ich weitere 5 Rupien und erhielt aus dem Touchscreen-Automat mein Ticket vom Busfahrer. Sonst war an diesen Bussen alles alt und fiel auseinander. Aber Hauptsache ein Touchscreen-Ticketautomat. Ich musste schmunzeln. Ich fand einen Platz und staunte während der Fahrt über den ersten gesichteten Flughund, der direkt mal sein Geschäft im Flug verrichtete. Die Häuser wirkten immer neuer je näher wir Beau Vallon kamen.

 

Die Polizeistation kam in Sicht, also stieg ich aus. Denn ich erinnerte mich, dass der Airbnb-Vermieter sagte, die Polizei kenne sie und man könne von dort anrufen lassen. Genau das tat ich. Viraf meldete sich am anderen Ende und schickte einen seiner Fahrer. So saß ich in der Polizei in Beau Vallon mit meinem auffälligen Koffer, beäugt von diversen Polizisten, und wartete auf meine Abholung. Kurze Zeit später traf der Fahrer ein, der mich ganze 200m zum Haus von Viraf chauffierte. Ich musste lachen. Die paar Meter hätte ich auch laufen können. Ich bekam ein Glas Wasser. Während ich wartete, meldete ich mich bei meiner Mama und Schwester, die meinen Flug ganz aufgeregt über eine App verfolgt hatten. Ja, ich wurde gestalkt... "Na, wenn die beiden sonst nichts zu tun haben." dachte ich mir. Viraf traf ein und erklärte mir, dass mein Zimmer noch nicht fertig sei. Es war ja auch erst 07:30 Uhr. Ich überlegte laut, dass ich nach Victoria fahren wollte, woraufhin der Fahrer anbot, mich später dorthin mitzunehmen, da er einen Klienten abholen müsste. Ich willigte ein. Das hieß allerdings für mich, weiterhin warten. Ein kleiner Vogel mit orange-rotem Kopf - der Madagaskarweber - leistete mir Gesellschaft. Außerdem fand die erste Mücke meine schmackhafte Haut. Die seychellischen Mückenstiche brennen kurz. Danach kann man sie eigentlich getrost ignorieren, weil sie nicht wirklich jucken. Im Haus liefen noch andere Menschen rum, die erst nicht wirklich Notiz von mir nahmen. Später wurde mir ein Kaffee angeboten. Das war der erste furchtbare Kaffee im indischen Ozean - und es sollten noch viele folgen. Die scheinbare Dame des Hauses kam ins Gespräch mit mir. Ich erzählte ihr von den Reiseplänen. Sie sagte, sie sei auch auf Mauritius gewesen und es sei dort im Vergleich sehr schmutzig, die Seychellen seien viel sauberer. Sie sollte Recht behalten.

 

> Ankunft auf den Seychellen

 

Der Fahrer chauffierte mich nach Victoria und ließ mich beim Uhrenturm heraus, wo laut meinem Reiseführer der Stadtspaziergang beginnen sollte. Doch zunächst musste ich einem dringenden Bedürfnis nachgehen. Und wer lief mir auf der Suche nach öffentlichen Toiletten über den Weg? Eine Aldabra-Riesenschildkröte - allerdings aus Metall - sowie die englische Familie aus dem Flugzeug. Der Kleine war schon wieder gut drauf und richtig fit. Ich startete meinen Stadtspaziergang und passierte eine wunderschöne Kirche - die St. Paul's Cathedral. Wenn auch nicht so imposant wie der Londoner Namensvetter, ist sie doch sehr nett anzuschauen und fügt sich wundervoll ins Stadtbild. Nun besorgte ich mir erstmal einige Flaschen Wasser für die nächsten Stunden und Tage. Nachdem mein Wasserhaushalt aufgefüllt war, begab ich mich in die Martkhalle, in der mich lustig geformte Obst- und Gemüsesorten sowie ein intensiver fruchtiger Duft erwarteten. Die "bittere Gurke" erweckte meine Aufmerksamkeit. Ein Verkäufer brach eine der Stacheln ab und gab sie mir zum Probieren. Der Name war Programm, denn die bittere Gurke schmeckte wirklich sehr bitter und war überhaupt nicht mein Fall. Im zweiten Stock des Marktes fand ich kleine Läden, vollgestopft mit regionaler Kleidung und Handarbeitsprodukten. In einem süßen Geschäft gab es ausschließlich selbstgemachte Dinge. Eine handgemachte Schildkröten-Spardose aus einer Kokosnuss fand ich sehr interessant. Ich wollte jedoch nicht am ersten Tag schon Souvenirs shoppen, um erstmal das Angebot zu überblicken. Eine solche Spardose habe ich aber natürlich nicht noch einmal gefunden. Weiter der Stadttour folgend entdeckte ich einen Laden mit Stoffen. Ich war hellauf begeistert, welche wundervollen Stoffe es hier zu günstigen Preisen gab.

 

> Stadtspaziergang Victoria, Part I

 

Nun führte mich der Spaziergang zu der Cathedral of the Immaculate Conception. Ich folgte den Gesängen, die aus den weit geöffneten Türen der imposanten Kirche drangen und vermutete einen Gottesdienst. Ich schlich mich an, um niemanden zu stören und versuchte etwas von dem zu sehen, was da passierte. Und dann traf es mich wie ein Schlag. Die singenden Männer in ihren farbenfrohen Gottesgewändern trugen einen Sarg den Gang hinunter. Mit Kamera um den Hals und Rucksack auf dem Rücken bin ich soeben in eine Beerdigung gestolpert. Ganz vorsichtig legte ich den Rückwärtsgang ein. Bloß nicht weiter auffallen und sich schnell aus dem Staub machen. Sowas konnte auch nur mir passieren...

Ich kreuzte die Straße und folgte dem vorgegebenen Weg auf der Karte. Ein weiteres eindrucksvolles Gebäude erhob sich unweit der Kirche, in der die Beerdigung stattfand: das Priesterwohnhaus La Domus, welches 1934 von schweizer Missionaren errichtet wurde.

Ich bog um die Ecke und erblickte den bunt verzierten Hindu-Tempel, den ich schon bei der Anfahrt nach Victoria entdeckt hatte. Es sollte der erste von vielen auf dieser Reise sein. Laut meinem Reiseführer durfte man den Arul Mihu Navasakthi Vinayagar Tempel auch betreten, insofern man die Schuhe ausziehen würde. Gesagt, getan. Fasziniert betrat ich die heiligen Räume, die auch von innen bunt gestaltet waren. Ein Mann saß an einem Feuer, welches er immer wieder von Sängen begleitet mit Holz speiste. Ein anderer Mann warf sich mehr oder minder auf den Boden nachdem er den Tempel betrat, um zu einer Gottheit zu beten. Eine Frau stand vor einer anderen Gottesgestalt und betete im Stehen. Ich war noch nie zuvor in einem solchen Tempel und war beeindruckt, wie es dort drin zuging. Ich traute mich allerdings nicht, zu fotografieren. Immerhin haben Gläubige dort Rituale abgehalten. Da wollte ich nicht durch Fotografie stören.

 

> Stadtspaziergang Victoria, Part II

 

Ich folgte der sich windenden Straße den Berg hinauf. Immer wieder fielen mir Pick Ups auf, deren Ladeflächen voll mit Menschen waren. Ich empfinde mich nun wirklich nicht als typisch deutsch. Dennoch verspüre ich das Bedürfnis nach Sicherheit im Straßenverkehr. Und diese Beförderungsmöglichkeit wirkte so gar nicht sicher, schien hier aber total normal zu sein. Bushaltestellen wurden hier nicht mehr durch ein Häuschen gekennzeichnet, sondern durch ein aufgemaltes Kästchen auf dem Asphalt, in dem BUS STOP geschrieben stand.

Zunächst passierte ich den Bel Air Cemetery - einen alten Friedhof, auf dem Kolonialherren begraben lagen. Auf dem Boden war in eine Steinplatte die Silhouette eines Vogels eingehauen. Ich wusste nicht, ob das Zufall oder so beabsichtigt war. Dann tat sich nach einem für mich beschwerlichen Aufstieg ein wundervoller Blick über die Stadt und den Hafen vor mir auf. Inmitten dieses Panoramas stand ganz majestätisch eine Moschee mit einer goldenen Kuppel. Auch wenn die meisten Seychellois Katholiken sind, wird auf diesen Inseln friedliche Religionsfreiheit gelebt. Über den bewaffneten Soldaten, der wohl das State House schützte, war ich dann etwas verwundert. Ich fragte mich, was sich wohl in dem Haus befand, dass es derart geschützt werden musste. Mein Reiseführer gab mir Aufschluss: Es war der Arbeitsplatz des Präsidenten der Seychellen. Direkt vor den Toren legte ich eine Trinkpause ein, weil es dort schattig war und ich mich erstmal an diese hohe Luftfeuchtigkeit gewöhnen musste. Ich fühlte mich eingängig von dem bewaffneten Mann beäugt, was wohl dazu führte, dass ich irgendeinen Abzweig verpasst haben musste. Inzwischen gab es keinen Fußweg mehr, also lief ich ganz nach Inselart einfach auf der Straße. Der Weg wollte einfach nicht zu der Moschee hinunter führen. Stattdessen kam ich beim Botanischen Garten heraus. Während meines Umherwanderns grüßten mich diverse Seychellois, darunter ein Mann, der einen riesigen Plastiksack auf dem Rücken trug. Darin waren Flaschen. Das irritierte mich, denn hier gab es keinen Flaschenpfand. Ich legte meinen Fokus eher auf die Überlegung, ob ich nun den Botanischen Garten ungeplant besuchen sollte oder nicht. Doch eigentlich hatte ich keine Energie, noch zusätzlich 1-2 Stunden zwischen Pflanzen langzuspazieren. Zumal meine weitere Planung diverse Wanderungen durch den Dschungel und Nationalparks vorsah. Ich erinnerte mich an Madeira und mein Empfinden, dass der Besuch des Gartens dort zwar schön war, ich ihn mir im Vergleich zum Dschungel aber tatsächlich hätte sparen können. Also machte ich mich lieber auf den Weg zur usprünglichen Route zurück. Diese habe ich auch gefunden, denn hinter dem prächtigen National Cultural Centre reihte sich ein Souvenirladen nach dem anderen auf. Hier wurde ich auch fündig. Ein Aschenbecher aus einer Kokosnuss, den eine handgemalte Schildkröte zierte, erweckte meine Aufmerksamkeit. "Das wäre das ideale Geschenk für mein Schwesterherz." schoss es mir durch den Kopf. Ich kam mit der Verkäuferin ins Gespräch, während ich mich umschaute. "Im Urlaub suche ich immer nach regionalen Produkten, auf denen nicht 'Made in China' steht.", erklärte ich ihr. Daraufhin erläuterte mir die Dame, dass manche Produkte wie z.B. Taschen aus Blättern aus China kommen und sie diese erst verkaufen dürften, wenn in irgendeiner Form an ihnen gearbeitet wurde. Daher würde ihre Schwester die Taschen mit Muscheln oder Stoffblüten verschönern. Dann hätten sie die Erlaubnis zum Verkauf. Nach dieser Erklärung sah ich vom Kauf weiterer Produkte ab. Ich sackte noch ein paar Postkarten ein und bewunderte das große Schmuckangebot. Die Straße zur Moschee hatte ich immer noch nicht gefunden, aber auch nicht mehr den Nerv, sie noch ausfindig zu machen. Ich fühlte mich ziemlich erschöpft und war heilfroh darüber, so viel Wasser gekauft zu haben. Zwei Flaschen waren nämlich bereits leer. Langsam bekam ich auch echt Hunger. Dem Tipp des Reiseführers folgend wollte ich im "Pirate's Arms" speisen. Irgendwie konnte ich das aber auch nicht finden. Vielleicht existierte es inzwischen auch gar nicht mehr. Stattdessen fand gerade auf der anderen Straßenseite ein hoch professionelles Fotoshooting vor einem Wellblechzaun statt, welcher kunstvoll mit Graffitis verschönert war. Das stillte jedoch nicht meinen Hunger. Ich entschloss mich, zurück nach Beau Vallon zu fahren und machte mich auf zum Busbahnhof, den ich ja schon von heute Morgen bestens kannte.

 

> Stadtspaziergang Victoria, Part III

 

Ich kehrte zurück zu Virafs Haus, wo ich ungefähr eine weitere Stunde wartete. Ziemlich viele Menschen wuselten nach einiger Zeit dort herum. Und ich fragte mich, ob die alle da wohnen würden. Bis mich eine Dame aufklärte, dass sie Angestellte seien, Schlüssel abgaben oder holten und Geld bekamen. Die Unterkunft von Viraf war also keine tatsächliche Privatunterkunft, was ja eigentlich das Prinzip von Airbnb ist. Viraf schien also diverse Ferienwohnungen zu managen. Erst tauchte der Zwillingsbruder des Fahrers auf, dann der Fahrer selbst, der mich zur Unterkunft brachte. Das Apartment war im Großen und Ganzen in Ordnung bis auf ein paar Flecken im Bettlaken. Dass diese gewaschen wurden, konnte ich aber durch die dicht behangenen Wäscheleinen im Hof erkennen. Inzwischen klebte meine Kleidung komplett an mir, die Brühe lief mir von Kopf bis Fuß und ich wollte einfach nur duschen. Doch die Putztante und der Fahrer machten nicht den Eindruck, dass sie so schnell gehen wollten. Als sie endlich das Apartment verließen, fühlte ich mich nach einer Dusche in der Eckbadewanne und mit frisch geputzten Zähnen wieder wie ein Mensch.

Ich wollte noch den Strand erkunden, präparierte mich also mit Sonnencreme und Bikini. Doch ich bekam die Tür nicht abgeschlossen. Ich meldete das Viraf und sein Fahrer kam erneut zur Hilfe. Auch er hatte Schwierigkeiten, den richtigen Schlüssel zu finden. Denn keiner von denen am Schlüsselring wollte passen. Dann fiel ihm auf, dass noch einer in der Tasche von der Torfernbedienung versteckt war. Und das war genau derjenige welche, den ich benötigte. Obwohl der Weg zum Strand nicht weit war, bot er mir an, mich dorthin zu fahren. Dort angekommen, begeisterte mich direkt die von Ständen gesäumte Promenade. Angeboten wurden Kokosnüsse, aus denen man trinken konnte, Obst und vor Ort zubereitete Gerichte. Inzwischen war mein Hungergefühl fast unerträglich. Ich gönnte mir also ein Chicken Curry mit Reis und Papayasalat, von dem allerdings die Hälfte im Müll landete. Denn ständig hatte ich irgendwelche Knochen, Nelken oder andere nicht essbare Dinge im Mund, was mir nicht nur furchtbar auf den Keks ging, sondern auch einen Würgreflex auslöste. Als Alternative kaufte ich eine Kokosnuss, die mit einer Hibiskusblüte geschmückt war. Erstaunlicherweise sättigte der Saft der Kokosnuss doch ganz gut. Ich genoss das Inselfeeling auf meiner Picknickdecke am Strand. Im Hintergrund lief afrikanische Gute-Laune-Musik. Die ersten wilden Hunde begegneten mir hier, die einfach am Strand entlangstreunten. Doch genau wie auf Madeira sind diese Tiere Menschen gegenüber friedlich. Meine Müdigkeit übermannte mich, was meine Bandscheibe gar nicht so gut fand. Denn die Tatsache, dass der Strand flach abfiel, sorgte dafür, dass der Sand von der Flut stark verdichtet war und somit einen ziemlich harten Untergrund bildete, obwohl Ebbe war.

Ich machte mich auf zurück zur Unterkunft, um meine Kamera zu holen. Der Kokosnussmann sagte, ich sollte die Kokosnuss öffnen, wenn ich sie leer getrunken hätte, damit ich das Fruchtfleisch essen könnte. Doch alle Versuche, dieses Ding aufzubekommen, scheiterten kläglich. Nicht zuletzt, weil die Messer der Küche recht stumpf waren.

Ich kehrte zurück zum Strand, in der Hoffnung einen traumhaft schönen Sonnenuntergang zu erleben. Durch das Wasser am Strand entlang laufend wartete ich gespannt auf das bevorstehende Farbenspiel. Doch Wolken machten mir einen Strich durch die Rechnung. Schnell wurde es dunkel und ich lief wiederum zurück zum Apartment. Auf dem Weg fiel mir ein Vogelruf auf, der wie das Hauchen einen Uhus klang, nur melodischer. Eben ein Geräusch, was man irgendwie im Dschungel erwarten würde.

 

> Beau Vallon

 

In meinem Heim für eine Nacht bereitete ich mich vor, um noch am Abend Salsa tanzen zu gehen. Da stellte ich fest, dass ich außer Wandersocken keine weiteren dabei hatte. Die  lagen noch Zuhause, bereit in den Koffer gepackt zu werden. Mein Outfit bestand also aus schwarzem Kleid, Bling-Bling-Turnschuhen...und Wandersocken.

Das Trader Vic's hätte ich fast nicht gefunden, da es auf dem Gelände einer großen Hotelanlage steht. Ich lief also durch die nächtlichen, menschenleeren Straßen. Es war immer noch warm und würde es auch bleiben. Die Nächte kühlen sich nicht großartig ab in diesem Klima. Manche Autos verlangsamten sich und männliche Einheimische grüßten mich, gaben aber schnell auf als ich nicht reagierte. Ich muss sagen, ich habe mich zu keinem Zeitpunkt während meiner Reise unwohl oder bedroht gefühlt.

Zum Glück fragte ich einen Portier nach dem Lokal. Ich war nämlich schon daran vorbeigelaufen. Die Musik des Trader Vic's drang nicht in die Stille der Nacht. Ich verbrachte einen tänzerisch enttäuschenden, aber menschlich bereichernden Salsa-Abend. Der kubanische Tanzlehrer selbst war vom tänzerischen Niveau nicht das beste, was ich je gesehen hatte. Aber irgendwie war er ganz aus dem Häuschen über meine Anwesenheit und riss sich darum, ständig mit mir zu tanzen. Kann ich auch verstehen, wenn ich mir das Level der anderen Tänzerinnen so anschaute. Die anwesenden Latinas enttäuschten mich total mit ihrer Interpretation des Reggaetón. Ich fand allerdings eine tolle Gesprächspartnerin in der goldigen Sandrina, die mir auch noch einen Cocktail ausgab, weil ich nicht mit derartig hohen Preisen gerechnet hatte und dementsprechend zu wenig Geld eingesteckt hatte. Ich stellte mich ihr zwar vor mit "Ich bin nur heute Abend hier, also gewöhn dich nicht zu sehr an mich.", doch das schien sie nicht so sehr zu interessieren. Auch die kubanische Sängerin der Live-Band hat den Abend mit ihrer fantastischen Stimme rausgerissen. Zwei Geburtstage wurden an dem Tag gefeiert. Doch im Gegensatz zu Salsaparties bei uns, auf denen es einen Geburtstagstanz gibt und das war es dann, war dort gefühlt jeder Tanz ein Geburtstagstanz, was ich ein wenig anstrengend fand. Zum leckeren Geburtstagskuchen wurde ich trotzdem eingeladen.

Sandrina und ihr Mann waren so nett und nahmen mich am Ende des Abends noch bis zur Polizeistation mit, von wo aus mein Nachhauseweg nur kurz war. 2 Uhr morgens fiel ich schließlich voller Erschöpfung ins Bett.


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