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Mit frischer Körperbemalung in ein Apartment ohne Frischluft


Nach einer sehr kurzen Nacht begann der Tag für mich recht früh. Ich hatte noch bis in die Nacht meinen Putzanfall zu Ende geführt. Schließlich würde meine Mama nach unserem Trip nach Strasbourg bei mir nächtigen, nachdem sie das letzte Mal vor einigen Jahren bei mir zu Besuch war. Ich wollte meine neu renovierte Wohnung also super schön präsentieren.

 

Ich packte meine sieben Sachen zusammen und fuhr nach Frankfurt. Denn bevor es nach Strasbourg ging, hatten meine Mama und ich noch einen anderen Termin. Nach der wieder einmal ewigen  Parkplatzsuche erwartete ich meine Mama gemeinsam mit meiner Tätowiererin. Wir saßen vor dem Tattoostudio und während wir uns unterhielten, schaute ich immer wieder in die Richtung, aus der meine Mama kommen müsste. "Hoffentlich findet sie den Weg vom Südbahnhof, den ich ihr erklärt hatte." spukte es in meinem Kopf herum. Dann sah ich sie mit Koffer aus genau dieser Richtung kommen. An der Kreuzung verschwand sie jedoch hinter Autos und tauchte irgendwie nicht auf. Also lief ich ihr entgegen und wunderte mich, wohin sie verschwunden war. Dann kam sie um die Ecke gelaufen, den Koffer in der einen Hand hinter sich her ziehend, über den anderen Arm die Handtasche und dann noch das Telefon am Ohr. Sie sprach gerade mit meiner Schwester und war völlig perplex darüber, dass ich ihr entgegenkam, da sie nach dem Ort der Körperverschönerung suchte. Ich nahm ihr also den Koffer ab und wies ihr den Weg in das Tattoostudio meines Vertrauens. Glücklicherweise war meine Tätowiererin an diesem Tag allein im Laden und hatte nur mich als Kundin. Es war also alles unglaublich entspannt. Meine Lieblingskünstlerin und ich besprachen den Entwurf der Nähutensilien noch einmal, nahmen ein paar Änderungen daran vor und schon konnte es losgehen. Meine Mama wollte nicht beim Tätowieren zuschauen und entspannte im Wartebereich. Sie holte zwischenzeitlich eine Tortilla vom portugiesischen Laden nebenan, um unseren Hunger zu stillen. Nach dem ein oder anderen Pieksen im Arm war das Kunstwerk nach zwei Stunden fertiggestellt. Wir unterhielten uns zu dritt noch eine Weile sehr angeregt. Dann mussten wir langsam mal aufbrechen Richtung Frankreich.

 

> frisch gestochenes Kunstwerk vor dem Aufbruch nach Strasbourg

 

Was ich bei meiner Planung für diesen Kurzurlaub nicht bedachte: Auch andere Menschen wollten bereits Mittwoch Abend in das verlängerte Wochenende starten. Daher dauerte die angedachte zweistündige Fahrt ins französische Elsass letztlich vier Stunden. Den Gastgeber meiner allerersten Airbnb-Unterkunft musste ich immer weiter vertrösten auf eine immer spätere Ankunft. Schließlich teilte mir Mohamed mit, dass er nicht mehr warten könne und seinem Freund den Schlüssel geben würde. Wir sollten uns melden, wenn wir angekommen sind. Nachdem mehrere LKWs versuchten, mein Auto im Stau von der Straße zu schieben, trafen wir endlich 22:15 Uhr in Strasbourg ein. Ich erkannte sofort den Moment als wir die Grenze passiert hatten, denn jedes zweite Auto hatte eine riesige Delle in die Seite gefahren. An einer roten Ampel raste ein Mopedfahrer rechts an uns vorbei und schaffte es überraschenderweise unversehrt quer über die Kreuzung. Wir waren eindeutig in Frankreich. Ich belustigte mich über die winzigen Straßenschilder, die man kaum wahrnahm. Als wir unserer Unterkunft sehr nahe waren, blickten meine Mama und ich uns etwas skeptisch um. Das Areal wirkte nicht gerade wie ein Wohn-, sondern eher wie ein Gewerbe- bzw. Industriegebiet. Aber gut, erstmal schauen, wo uns das Navigationssystem hinführte. Wir kamen schließlich an einem Wohnblock an. Einen Parkplatz gab es direkt vor der Tür. Ich sagte Mohamed Bescheid, dass wir endlich angekommen sind. Inzwischen war es 22:30 Uhr. Mohameds Freund Amyn kam uns entgegen und stellte sich vor. Er übergab die Schlüssel und zeigte uns den Weg zum Apartment. Während Mama und ich das Apartment grob inspizierten, entschuldigte sich Amyn kurzfristig, um uns mit Informationen für das nahegelegene McDonald's zu versorgen. Die Inspektion verlief schnell, da das Apartment sehr klein war. Auf den ersten Blick wurde es als gut befunden. Amyn kam zurück mit Adresse vom Fast Food Restaurant, zu welchem man laufen konnte. Da McDonald's 23 Uhr den Verkauf ihrer Produkte einstellen würde, wollten wir uns beeilen. Kurz wollten wir beide noch die Toilette aufsuchen. Als wir die Tür zum Bad öffneten, kam uns jedoch erstmal eine massive Chemiewolke entgegen, sodass wir beide um die Wette keuchten. Ich sagte hochmotivert: "Ich lass mal ein bisschen frische Luft rein.", denn das gesamte Apartment roch nun nach Dan Klorix. Ich öffnete also das Fenster...und war irritiert. Die Luft, die in das Apartment strömte, roch nicht nach Frischluft. Ich steckte also meinen Kopf aus dem Fenster, um mir die Umgebung genauer anzuschauen. Ich hatte wohl bei den Bewertungen der Unterkunft überlesen, dass es keine Frischluftzufuhr in diesem Apartment gibt, sondern ausschließlich ein Fenster, welches zum geschlossenen und überdachten Treppenhaus führte. Keinerlei Frischluft. Ich schüttete mich aus vor Lachen. Meine Mama, die die Badtür geöffnet lassen musste, weil man sonst dort drin chemisch vergast worden wäre, wusste nicht so recht, wieso ich jetzt einen Lachanfall bekam. Sie erkundete meine Entdeckung nach ihrem Toilettengang und stieg in das Gelächter mit ein.

Ich versorgte noch kurz meine frische Tätowierung. Handtücher gab es zwar, allerdings in einer Größe, mit welcher man maximal seine Beine abtrocknen konnte. Glücklicherweise hatte meine Mama sich nicht darauf verlassen und Handtücher eingepackt. Sie fragte: "Hast du Handtücher dabei?" Ich verneinte. "Dann nimmst du eins von mir!" fügte sie hinzu. "Weil?" fragte ich neugierig. "Ich das besser finde!" antwortete sie plausibel.

 

Wir machten uns auf zu McDonald's. Erstmal haben wir den falschen Eingang genommen und suchten verzweifelt den Schalter, wo man denn nun etwas zu essen bestellen konnte. Wir durchquerten also die gesamte obere Etage. Weit und breit kein Schalter zu sehen. Dafür aber ein paar spielende Kinder, über die ich mich belustigte. Die dazugehörige Mutter sprach mich mit einem breiten Lächeln auf Französisch an. Ich verstand kein Wort. Das kam zu schnell und unerwartet. Ich suchte nach französischen Worten in einer verstaubten Schublade in meinem Kopf und hörte aus meinem Mund auf Französisch sagen, dass ich nicht gut verstehen würde, da ich nur ein wenig Französisch spreche. Die Dame war sehr freundlich und wechselte zu Englisch. Generell waren sämtliche Menschen in Strasbourg furchtbar freundlich. Entweder sie sprachen Deutsch oder Englisch, oder sie würdigten meinen Versuch, mich auf Französisch mit ihnen zu unterhalten. Und falls das alles nicht klappte, gab es ja immer noch die Kommunikation mit Händen und Füßen.

Am Bestellschalter war es allerdings auch nicht gerade einfach. Erstmal gibt es in Frankreich ganz andere Angebote als in Deutschland, sodass wir nicht wussten, was wir essen sollten. Dann sprach die junge Frau, welche auch schon etwas übermüdet schien, ausschließlich Französisch. Sie holte ihren Kollegen hinzu, der der englischen Sprache mächtig war. Nun konnte die Bestellung endlich vonstatten gehen. Die Zubereitung wurde dann doch wieder von der französisch sprechenden übermüdeten jungen Frau übernommen, die dann auch direkt etwas verschüttete. Nachdem wir unsere Bestellung erhalten hatten, wollten wir das Restaurant durch die Tür verlassen, die nun leider schon verschlossen war. Ein Angestellter lief uns hinterher und führte uns zu dem Ausgang, durch welchen wir das Lokal noch verlassen konnten.

 

Wir aßen auf dem Weg zurück zur Unterkunft, während sich meine Mama laut denkend fragte, ob man in Frankreich überhaupt auf der Straße essen dürfe. Die Müdigkeit und Erschöpfung zeigte schon ihre Folgen. Ich war so perplex über diese Frage, dass mir die Worte für eine Antwort fehlten.

Wir passierten einen sehr großen Parkplatz mit sandigem Untergrund, auf welchem allerdings nur wenige Fahrzeuge standen und erreichten das Apartment wieder. Für uns war klar, dass es heute nicht mehr auf die Salsaparty gehen würde, die ich mir vorher schon herausgesucht hatte. Meine Mama äußerte "So, ich gehe jetzt schlafen.", lief währenddessen ins Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Bei mir löste das direkt den Gedanken aus, dass sie im Bad schlafen wolle. Erneut brach ich in Gelächter aus.

Während ich mich bettete und mich schließlich fragte, wie wir die Nacht ohne Frischluft überleben wollten, machte sich auch schon die Erschöpfung breit und ich schlief ein.


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