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Wie uns ein Unfall zu Wanderern machte


Für den Morgen vom vierten Tag hatten wir uns vorgenommen, endlich mal französisch frühstücken zu gehen. Immerhin haben die Franzosen so viel leckeres Gebäck. Auf ein französisches Frühstück zu verzichten, wäre eine Straftat. Am Vortag hatte ich ein Lokal gesehen, in dem ich mir vorstellen konnte, schön zu frühstücken: La Chaine d'Or. Heute wollten wir dann auch endlich mal die Tram benutzen. Wir fuhren zu dem entsprechenden Lokal, suchten uns einen hübschen Platz, dann kam ein Kellner auf uns zu, der uns auf Französisch informierte, dass es jetzt noch kein Essen gäbe. Ich schaute auf die Uhr. Es war schon 11 Uhr. Ich blickte ihn irritiert an und sagte ihm, dass wir gern frühstücken wollten. Er sagte, sie würden gar kein Frühstück servieren. Enttäuscht standen wir auf und liefen dem Stadtkern entgegen. Nachdem uns diverse ausgeschriebene Frühstücksmenüs nicht zugesagt hatten, fanden wir direkt an der Kathedrale ein tolles Café: La Cygogne. An einem Vierertisch waren noch zwei Plätze frei. Ich sprach das ältere Pärchen auf Französisch an. Der Mann antwortete direkt, dass er kein Französisch spreche. Es stellte sich heraus, dass die beiden Briten waren. Zuckersüß die zwei.

Ein freundlich ausschauender Kellner brachte uns die Karte. Ich entschloss mich für ein Baguette mit Marmelade, Schokolade und Butter. Dazu nahm ich einen frisch gepressten O-Saft. Mama hatte sich für einen Kougelhopf entschieden, also ein niedlicher kleiner Kuchen aus Hefeteig. Selbstverständlich gab es einen Kaffee für uns beide dazu. Der Kellner kehrte zurück, um die Bestellung aufzunehmen. Er bot an, dies auf Englisch zu tun. Ich sagte aber, ich möchte gern üben und versuche es auf Französisch. Das hat er auch bis zum Ende durchgezogen und ist nicht einfach wieder zu Englisch übergegangen als es etwas ins Stocken geriet. Das empfand ich als sehr hilfreich und ich war stolz auf mich, dass ich mich durchgekämpft hatte und dass tatsächlich Französisch aus mir herauskam und nicht Spanisch wie in Paris 2013.

Das Frühstück mit Blick auf die Kathedrale war grandios. Ein richtiges Baguette können eben nur Franzosen. Der frisch gepresste Orangensaft konnte allerdings nicht mit dem von Madeira mithalten. Ich musste mir trotz Hitze trotzdem etwas über die Schultern legen. Die verfärbten sich nämlich schon langsam rot.

Auf dem Weg zurück zur Metro passierten wir zunächst den Akkordeonspieler, der uns zwei Tage zuvor am "Le Gruber" das Mittagessen versüßte, dann noch einmal den Platz mit dem Karussell. Dort war nun ein Blumenmarkt hinzugekommen. Frische, bunte Blumen so weit das Auge reichte.

Während wir auf die Metro warteten, tropfte uns der Zahn beim Anblick der bunten Köstlichkeiten im Fenster der Boulangerie - obwohl wir soeben gefrühstückt hatten.

 

> Frühstück in Strasbourg

 

Zuhause angekommen, ging es direkt weiter. Diesmal mit dem Auto, denn wir hatten eine etwas längere Fahrt vor uns. Wir wollten uns die Haut-Koenigsbourg anschauen. Das ist nur eine von vielen Burgen, die man sich im Elsass anschauen kann.

Der Fahrtweg zur Burg war sehr idyllisch. Grün wie überall in und um Strasbourg. Als wir durch Kintzheim durchfuhren, war uns klar, dass wir auf der Rückfahrt hier nochmal halten würden. Ein zauberhafter kleiner Ort mit tollen Häusern und überall Blumen. Einfach wunderschön.

Von Kintzheim führten stark schlängelnde Straßen den Berg herauf zur Haut-Koenigsbourg. Für mich kein Problem. Wer auf Madeira die Serpentinen entlangkommt, schafft das auch hier. Jedoch sollte es mein Auto nicht bis zur Spitze des Berges schaffen. Der Verkehr staute sich eine Weile und wir standen einfach da und warteten. Als ich dann endlich zu Beginn der Schlange vordrang, konnte ich sehen, warum die Autos vor mir alle umgedreht sind. Ein Polizist hielt uns an. Er kreuzte die Arme vor der Brust und teilte mir auf Französisch mit, dass es einen Unfall gegeben hätte und deshalb die Strecke nun nicht befahrbar wäre, da Rettungskräfte noch vor Ort waren. Ich fragte ihn, ob es möglich wäre, das Auto dort stehen zu lassen und hochzulaufen. Er bejahte. Während ich wendete, fragte mich Mama, ob da jemand gestorben sei, "weil er so gemacht hat.". Sie kreuzte die Arme vor der Brust. Ich lachte und sagte ihr, dass die gekreuzten Arme für eine gesperrte Straße stünden.

Ich stellte mein Auto am Straßenrand vor einer Kurve ab, wobei mir nicht ganz wohl war. Allerdings war das der einzige freie Platz weit und breit. Nun hieß es also den Berg hinauflaufen. Uns kamen immer wieder Touristen von oben entgegen, von denen ich ein paar ansprach und fragte, ob es einen Fußweg gäbe, um zur Burg zu kommen. Mir wurde geantwortet: "Ja klar, da vorne geht ein Weg rechts rein durch den Wald. Und da ist man relativ schnell oben.".

Als der Weg in Sicht kam, wechselte ich die Straßenseite. Meine Mama folgte mir skeptisch. Ich passierte eine offene Schranke, an welcher ein "Durchfahrt verboten"-Schild hing. Ich wurde von den Einwänden meiner Mama aufgehalten.

 

"Carina, da dürfen wir nicht durch!"

"Das ist aber der Weg, den die anderen Touristen beschrieben haben!"

"Aber da hängt ein Verbotsschild! Was steht denn da drunter?"

"Durchfahrt verboten außer man hat eine Berechtigung."

"Siehst du, wir haben doch keine Berechtigung. Wir kommen da nachher nicht mehr raus!"

"Klar, weil eine geschlossene Schranke zu Fuß eine echte Herausforderung darstellt..."

"Ja, nachher ist das Militärgelände. Was ist, wenn die da schießen?"

 

Das war die Stelle als ich mich nicht mehr halten konnte vor Lachen. Ich sagte meiner Mama, dass sie gern auf der Straße hoch zur Burg laufen konnte. Ich würde jetzt jedenfalls den Waldweg nehmen. Ich stiefelte los. Eine Weile später folgte mir meine Mama etwas bedröppelt und immer noch skeptisch. Mit dem Aufstieg hatte sie bei der Hitze ganz schön zu kämpfen. Mir lief auch die Brühe und obwohl ich sonst nur wenig Sport mache, hatte ich nicht solche Probleme wie Mutti. Die Waldluft und das Vogelgezwitscher waren eine Wohltat für die Seele. Immer mal wieder schienen ein paar warme Sonnenstrahlen durch das Geäst. Nicht, dass es nicht schon heiß genug gewesen wäre... Nach einer Weile - irgendwie fühlte sich der Aufstieg nicht so schnell an wie von dem Touristen beschrieben - kamen wir tatsächlich oben am Gipfel an. Eine kleine Steintreppe trennte uns noch von dem Souvenir-Kiosk. Schnaubend standen wir nun zwischen Plastiksitzgelegenheiten und Postkartenständern. Wir verlagerten unsere Trinkpause in den Schatten. Nachdem wir die Toilette aufgesucht und herausgefunden hatten, dass es zeitnah eine Führung geben sollte, nutzten wir die Gelegenheit des Briefkastens, der direkt am Kiosk hing. Wir schrieben unsere zuvor gekauften Postkarten (wobei ich doppelt so schnell war wie Mama), kauften die entsprechenden Briefmarken und warfen die Urlaubsgrüße ein. Das war wirklich praktisch, denn wir hatten keine Ahnung, wo wir noch an einem Briefmarkenverkaufsort vorbeikommen würden. Einen Briefkasten hätten wir allerdings gefunden: Der mit der ratgebenden Maus war uns noch im Gedächtnis.

 

> Aufstieg zur Haut-Koenigsbourg

 

Wir betraten nun die Burg und wurden direkt von einem Mann in Ritterrüstung empfangen, der bereitwillig für meine Kamera posierte. Den Eingangsbereich fand ich etwas verwirrend. Wir mussten mehrfach fragen, wo wir denn lang mussten. Beim Kaufen des Tickets wurde uns gesagt, dass die Führung nichts extra kostet, was uns sehr erfreute. Wir wurden in einen steinernen Raum geführt, wo wir auf den Fremdenführer warteten. Als dieser schließlich die Tour begann, merkten wir schnell, dass in diesem Mann unglaublich viel Wissen steckt. Das war an der ein oder anderen Stelle allerdings auch etwas verwirrend. Denn er konnte sich manchmal nicht so ganz entscheiden, wie weit er jetzt ausholen soll und warf dann ein paar Extra-Info-Bröckchen hin. Dennoch fand ich die Führung sehr empfehlenswert. Wir konnten viel vom geschichtlichen Werdegang der Burg mitnehmen. Jeder Raum bestach durch eine andere Besonderheit. Wir bestaunten alte Brunnen, bunte Schnitzereien, imposante Kronleuchter, alte Weinfässer, antike Holzmöbel, riesige Wandmalereien, eine Wand voller Geweihe und eine eindrucksvolle Speersammlung. Teilweise befanden sich zwei Besichtigungsgruppen unterschiedlicher Sprachen gleichzeitig in einem Raum, was die Angelegenheit etwas schwierig gestaltete. Die Haut-Koenigsbourg hat unglaublich viele Besucher. Da kann es trotz der Größe schon mal eng werden.

 

> Haut-Koenigsbourg

 

Die geführte Tour endete im Hofgarten der Burg, der wohl erst nachträglich angelegt wurde. Von da an bewegten wir uns allein durch den Rest der Burg. Wir entdeckten den Teil, der die Verteidigungsbasis darstellte. Diverse Kanonen standen da rum, vor denen Mama und ich erstmal posierten. Das geniale an der Haut-Koenigsbourg ist, dass sich von jedem Fenster ein anderer Ausblick bietet. Man kann über die gesamten Vogesen schauen und bei guter Sicht sogar bis zu den Alpen blicken. Nachdem wir die Burg beeindruckt verließen, wollten wir uns um unsere knurrenden Mägen kümmern. Wir betraten das Burgrestaurant. Es war aus irgendwelchen Gründen nur noch eine begrenzte Auswahl an Speisen vorhanden. Meine ursprüngliche Wahl fiel auf eine Suppe, die es aber nicht mehr gab. Also entschieden wir uns für eine Quiche Lorraine und als Nachtisch eine Heidelbeer-Tarte. Wirklich sehr deliziös. Das Essen im Burgrestaurant kann ich mit beiden Daumen weiterempfehlen. Ich trank einen Orangensaft. Der Kommentar meiner Mama dazu war: "Das sieht aus wie echter Orangensaft!" - "Ist ja auch echter Orangensaft." konnte ich darauf nur irritiert erwidern. Wieder einmal mussten wir beide lachen.

 

> Haut-Koenigsbourg

 

Wir waren nun bereit für den Abstieg. Gemütlich liefen wir zurück durch den Wald und genossen den schattigen Weg durch die saftig grünen Bäume. Plötzlich fand meine Mama den Pfad auch sehr beruhigend und entspannend, wollte sie sich doch anfangs weigern, dort langzugehen. Immerhin hatten wir ja keine Berechtigung...

Die Ruhe wurde allerdings immer wieder durch lautes Motorgetöse gestört. Mir dämmerte es: Der Hockenheimring war hier ganz in der Nähe. Das hört man tatsächlich bis da hoch.

 

Mein Auto stand nun ziemlich allein da. Die vorher zugeparkte Straße war fast fahrzeugfrei. Wir machten uns auf den Rückweg. Schließlich wollten wir noch in Kintzheim halten, um die Schönheit dieses verträumten Örtchens noch bei Tageslicht betrachten zu können. Allerdings gestaltete sich das Abstellen des Autos etwas schwierig. Ich entdeckte einen Platz am Ende des Ortes. Allerdings befand sich dieser auf der linken Straßenseite und war nicht sehr breit. Ich musste also über die Beifahrerseite aussteigen. Auch wieder typisch Carina...

Wir schlenderten durch Kintzheim und erfreuten uns an der blumigen, entspannenden Atmosphäre. An der Kirche entdeckte ich einen Wegweiser, der eine Bäckerei Brunstein und eine Gruft Brunstein auswies (beide in derselben Richtung zu finden). Ich wusste ja nicht, dass mein Professor für pädagogische Psychologie hier Verwandtschaft hatte. Wir liefen wieder zurück in die andere Richtung. Wir erinnerten uns nämlich an einen blumenreich gestalteten Kreisverkehr, der am Ortsausgang sein musste. Den fanden wir zwar nicht, stattdessen aber einen wunderschön angelegten Friedhof. Sehr gepflegt und wieder einmal reich an Blumen. Wir schlossen unseren Ausflug schließlich ab und kehrten zurück nach Strasbourg.

 

> Kintzheim

 

Ich stellte mein Auto an der Unterkunft ab und wir liefen zu dem Lokal, in welchem wir zwei Tage zuvor einen sehr leckeren Flammkuchen aßen. Den fanden wir so lecker, dass wir das Geschmackserlebnis gern wiederholen wollten. Dieses Mal setzten wir uns auf die Terrasse von "La Couronne". Von Zeit zu Zeit konnten wir uns in einem netten Gespräch mit den Besitzern austauschen, welche beide Deutsch sprachen.

Als wir nach ein paar Gläschen Wein das Restaurant verließen, war ich sehr fasziniert von der wechselnden Beleuchtung der Brücke, unter welcher die Tram entlangfuhr. Wir befanden uns auf dem Rückweg zur Unterkunft. Und der sonst leere riesengroße Parkplatz, sowie sämtliche Straßen drumherum waren nun zugeparkt. Mama und ich waren irritiert. Dann bemerkte ich, dass sich wohl viele arabische, persische und türkische Menschen in dem Gemenge befanden. Und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: "Mama, es ist Ramadan!!!!". Unsere Unterkunft befand sich nun mal in einem Viertel, wo anscheinend viele muslimische Menschen wohnhaft waren. Und ich hatte ein paar Tage zuvor auch schon ein Schild für eine Moschee gesehen. Es war also klar, dass diese Menschenmasse auf dem Weg zur Moschee zum Fastenbrechen war. Davon ließen wir uns aber nicht stören. Ich war froh, dass mein Auto einen Parkplatz hatte. Und auch an diesem Abend war ich nicht mehr in der Lage zu einer großen Kizombaparty zu gehen. Ich zog dann doch das Bett ohne Frischluftzufuhr vor. Mama musste allerdings noch die Frage loswerden, wie man denn eigentlich zu so einem Hintern käme wie meinem.

 

> wechselnde Beleuchtung an der Tram-Haltestelle Krimmeri


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