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Tanzender Ausklang nach einem ausgedehnten Kanalspaziergang


Wir bereiteten unsere Abreise vor, auch wenn wir uns erst am Abend wieder nach Hause begaben. Wir packten also bereits all unser Hab und Gut zusammen und brachten die Sachen auch schon ins Auto. Dann schauten wir, dass wir das Apartment entsprechend ordentlich und sauber hinterließen und nahmen beim Verlassen der Unterkunft noch den Müll mit hinunter und schmissen die Schlüssel in Mohameds Briefkasten. Anschließend machten wir uns abermals auf in Richtung Innenstadt - heute erneut mit der Tram. Es war geplant, den Kanalspaziergang, den wir ja am Donnerstag auf Grund der Bauchkrämpfe meiner Mama abbrechen mussten, nun nachzuholen. Wir fuhren also bis zur Haltestelle "Homme de Fer", an welcher wir ausstiegen. Von dort liefen wir das kleine Stück zum Kanal und starteten unseren Spaziergang Richtung Osten. Richtig witzig fand ich auf der gegenüberliegenden Kanalseite eine Treppe. Diese führte hinunter auf ein sehr kurzes Plateau und dann direkt wieder eine Treppe hinauf. Dieser Treppenweg schwebte in der Luft über dem eigentlichen Uferweg. Hängt vermutlich damit zusammen, dass der Wasserspiegel hier mal viel höher war. Dennoch ließ mich der Anblick schmunzeln.

Die Idee war, unterwegs irgendwo etwas zu Essen herzubekommen, da langsam, aber sicher unsere Bäuche Geräusche von sich gaben. Wir schlenderten in der Hitze am idyllischen Kanal entlang. Zahlreiche Bäume spendeten am Ufer Schatten. Wunderschöne alte Häuser mit eisernen Balkonen säumten die Straße. Die Straßburger scheinen wirklich einen grünen Daumen zu haben, denn die Balkone waren stets mit saftig grünen Pflanzen bestückt. Von vielen Punkten aus konnte man die Kathedrale Notre Dame in der Innenstadt sehen.

Ein sehr imposantes Gebäude wurde zwischen den anderen Häusern sichtbar. Es war eines der vielen ansehnlichen Gotteshäuser in Strasbourg, die katholische Kirche Saint-Pierre-le-Jeune. Wir folgten dem Wasserlauf weiterhin mit knurrenden Bäuchen. Trotzdem kam ich gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. Denn das nächste Bauwerk, welches sich vor unseren Augen auftat, war einfach unfassbar beeindruckend. Der "Palais du Rhin", der früher einmal Kaiserpalast war, beherbergt heute das regionale Kultusministerium. Die französischen Flaggen, die am Gebäude und davor wehten, verliehen dem Ort ein majestätisches Ambiente. Unterstützt wurde diese Atmosphäre von dem anschließenden Park, dem Place de la République. In der akkurat gepflegten Grünanlage stand eine schöne Statue in der Mitte der Sichtachse zum Adolf-Michaelis-Museum. Wir liefen durch sie hindurch. Eine Gruppe junger Menschen spielte schon wieder dieses Wikinger-Schach. Da ich das nun schon so oft gesehen hatte, sprach ich die Gruppe an, ob mir jemand dieses Spiel erklären könnte. Ein junger Mann fühlte sich angesprochen und versuchte mir den Ablauf darzulegen. Ob ich das komplett verstanden hab, weiß ich nicht genau. Ich glaube, ich sollte mich mit diesem Spiel nochmal auseinandersetzen. Am Ende des Parks entdeckten wir neben dem Nationaltheater und der Nationalbibliothek mit wunderschönem Kuppeldach, weitere prachtvolle, alte Bauwerke.

 

> Kanalspaziergang Strasbourg

 

Der Blick Richtung Museum machte uns neugierig, was es in der Avenue de la Liberté noch so gibt. Also wichen wir etwas von unserer Route ab und bestaunten weitere sehenswerte Architektur. Unser Bauchgrummeln wurde allerdings immer lauter. Und anscheinend gab es an einem Sonntag hier nirgendwo etwas Essbares. Wir entschlossen uns, zurück zu unserer ursprünglichen Route zu gehen und liefen den Quai Koch entlang. Hinter ein paar Bäumen erkannte ich die gothische Kirche, die wir am zweiten Tag im Vorbeifahren erspäht hatten und welche ich nochmal aufsuchen wollte, weil ich sie so schön fand. Nun erhob sich die Saint-Paul-Kirche direkt vor uns. Denn wie wir nun feststellten, stand sie zwischen den Wasserläufen des sich teilenden Kanals. Wir liefen auf eine Brücke, um eine bessere Sicht auf das Bauwerk zu haben.

 

> Kanalspaziergang Strasbourg

 

Nun stöhnten Mama und ich um die Wette, dass wir Hunger hätten. Mal machte es den Eindruck, dass wir über ein Lokal stolperten. Dann entsprach das aber doch nicht so unseren Vorstellungen. Wir waren am Quai des Pecheurs. Sagte Isi nicht, dass es hier einige Lokalitäten zum Einkehren geben sollte? Ich entdeckte ein cooles Restaurant direkt am Kanal (Café Atlantico). Die Küche befand sich auf einem Boot, der Essbereich sowohl innen als auch außen und Liegestühle standen am Ufer. Ein kurzer Blick von mir auf die Tafeln genügte und ich beschloss, dass wir dort unseren Hunger stillen würden. Wir setzten uns und schauten die Karte an. Mama schaute sich die beschränkte Auswahl an und sagte: "Eigentlich möchte ich von dem, was es hier gibt nichts essen. Nicht schon wieder einen Burger!". In dem Moment kam der Kellner, der eigentlich gern die Bestellung aufnehmen wollte. Ich holte tief Luft, weil mich die Situation annervte, entschuldigte mich bei dem Kellner und sagte ihm, dass wir wohl doch nicht hier speisen würden. Er war sehr freundlich und sagte, es sei kein Problem. Meine Stimmung schlug jedoch um. Ich hatte Hunger, ich wollte gerne sitzen, weil mein Rücken schmerzte und ich wäre auch gern mal aus der Hitze gegangen. Da sich im näheren Umkreis nichts finden ließ und man auch von hier aus die Kathedrale sehen konnte, die unweit entfernt war, legte ich angenervt fest: "Gut, dann essen wir heute wieder im 'Le Gruber'. Da wissen wir, dass uns das Essen gefällt.". Der Weg dorthin verlief eher schweigsam. Meine Laune besserte sich jedoch, sobald wir am Restaurant ankamen und einen Platz fanden. Da war ich dann auch wieder ansprechbar. Wir bestellten uns ein superdeliziöses Hähnchenfilet in Rieslingsauce und dazu wurden hausgemachte Spätzle gereicht. So unfassbar lecker. In diesem Restaurant gibt es wirklich nichts zu beanstanden. Es bekommt meine hunderprozentige Weiterempfehlung.

Gestärkt setzten wir die Tour fort. Wir passierten eine junge Schwanenfamilie. Nun betraten wir wieder das Viertel "La Petite France", wählten diesmal jedoch ein paar andere Straßen, von denen wir noch einmal einen anderen Blickwinkel auf diesen verträumten Stadtteil erhaschen konnten. Selbst die Glascontainer waren hier kunstvoll verschönert.

 

> Kanalspaziergang Strasbourg - La Petite France

 

Wir kamen wieder an dem lustigen Restaurant "Le Schnockeloch" vorbei und entdeckten unter einer Brücke einen nistenden Schwan. Eine richtige Kuriosität war ein kleines eingezäuntes Stückchen Erde, welches anscheinend dafür angelegt wurde, damit Hunde ausschließlich dort drin ihr großes Geschäft verrichten - quasi eine Kackbox.

Bevor wir die Innenstadt verließen, hatte ich noch Lust auf einen Eiskaffee. "Manolya Coffee" fiel mir ins Auge. Wir kehrten dort ein. Der Laden war zu meiner Verwunderung leer, denn er war herzallerliebst eingerichtet. Aus alten Nähmaschinentischen wurden Kaffeetische gebaut, die der Einrichtung ein extravagantes Flair verliehen. Ich bestellte meinen Kaffee-Frappé und unterhielt mich mit der Dame hinter der Theke über die Tische. Sie sagte, das wurde alles selbst gemacht, nichts gekauft. Sehr zu empfehlen. Der Kaffee-Frappé war außerdem sehr lecker und erfrischend.

 

> Ende der Kanaltour

 

Nun war es an der Zeit, zum Auto zurückzukehren. Da uns der Parc de l'Orangerie nämlich so sehr gefallen hatte, wollten wir dort noch eine Weile entspannen bevor wir uns zum Salsa-Barbecue aufmachten. Wir saßen also in der Tram. Und als wir an unserer Haltestelle waren, schienen wir etwas langsam zu sein. Ich stieg aus der Bahn...und hinter mir schloss sich die Tür. Mama kam hinterhergestürmt, ich drückte draußen auf den Knopf, sie drückte innen auf den Knopf. Die Tür begann sich zu öffnen und direkt wieder zu schließen. Wir wiederholten das Knopf-drück-Spiel. Die Tür begann sich zu öffnen und schloss sich sogleich wieder. Und blieb dann geschlossen. Ich sah wie Mama drin in Panik ausbrach...und ich kugelte mich draußen vor Lachen während ich die Tram davon fahren sah. Mir war ja klar, dass sie einfach nur an der nächsten Haltestelle aussteigen musste. In dem Moment meldete sich ein Kumpel bei mir und fragte, was so in Strasbourg ging. Ich antwortete ganz trocken und immer noch lachend: "Ich hab gerade meine Mama in der Tram verloren.". Ich rief Mama an, da ich wissen wollte, ob sie zurückgefahren kommt oder ich ihr entgegenlaufen soll. Da sah ich sie schon in meine Richtung laufen. Die nächste Haltestelle war nämlich in Sichtweite. Ich war immer noch am Lachen. Als Mama mich erreichte, sagte sie mir, der nette deutschsprechende Mann an der Tür hätte zu ihr gesagt: "Kein Problem, die nächste Haltestelle kommt gleich. Dann läufst du einfach zurück. Ich passe auf."

Wir liefen zum Auto und fuhren zum Parc de l'Orangerie. Um einen Parkplatz zu finden, muss man zwar ein wenig Glück haben an einem sommerlichen Sonntag, aber das hatten wir auch. Mit Picknickdecke ausgestattet machten wir uns auf den Weg zu der Fontäne und suchten uns dort ein Plätzchen. Auch das war gar nicht so einfach. Wir wollten nicht in die knallende Sonne und es waren wirklich sehr viele Menschen hier. Wir machten es uns gemütlich. Ich wollte ein bisschen dösen. Ich war sehr müde und musste heute schließlich noch tanzen und die Heimfahrt überstehen. Auch wenn ich nicht so richtig schlafen konnte, erholsam war dieses Getümmel um uns mit lauter positiven Menschen trotzdem. Eine Gruppe von Frauen mit jungen Mädchen lief öfters an uns vorbei. Alle aufgetakelt bis zum Umfallen, in sehr auffälligen Kleidern und Gewändern. Den Kulturkreis konnte ich nicht ganz zuordnen. Es gab sogar ein Pärchen, dass Cheerleader-Hebefiguren übte. Manche spielten auch Gitarre. Es war eine sehr entspannende Atmosphäre. An diesen Ort möchte ich gern irgendwann zurückkehren.

 

> Parc de l'Orangerie

 

Nach ca. 1,5 Stunden packten wir unsere Sachen wieder zusammen und begaben uns zum Auto. Die Salsaparty sollte in einem Clubhaus einer Sportanlage stattfinden. Nachdem ich herausgefunden hatte, wo dort der zugehörige Parkplatz war - nämlich auf einem ursprünglichen Fußballfeld - gingen wir hinein. Ich sah schon, dass da kaum Frauen anwesend waren. Ich fragte die Dame an der Kasse, ob es hier immer einen derartigen Männerüberschuss gäbe. Sie sagte, es sei noch früh. Es würde bald voll werden. Mama und ich betraten die Terrasse und sämtliche Männer, die dort wie die Hühner auf der Stange aufgereiht saßen, warfen die Hände in die Höhe und riefen "Heyyyyyyy!". Sie freuten sich anscheinend sehr, endlich eine Frau zum Tanzen zu sehen. Ich war im ersten Moment etwas erschrocken. Allerdings hatte ich den Abend über sehr viele wundervolle Tänze. In Strasbourg wird ausschließlich kubanische Salsa getanzt. Es gibt nur ein paar wenige Ausreißer. Das tänzerische Niveau ist durchgehend sehr hoch. Ich habe den Abend sehr genossen. Ich weiß nicht so recht, ob Mama es in gleichem Maße genoss. Sie liebt es zwar, mir beim Tanzen zuzuschauen. Aber sie saß den ganzen Abend nur auf ihrem Stuhl. Wir verweilten dort ca. vier Stunden. Ich dachte mir: "Bevor ich wieder ewig im Stau stehe, kann ich in der Zeit auch tanzen.". Ich konnte ja auch nicht wissen, dass ich einige Tänzer schon einen Monat später auf dem "A lo Cubano Festival" in Karlsruhe wiedersehen würde.

 

Dann wurde die Heimfahrt eingeleitet. Diesmal fuhr ich einen Großteil auf französischem Boden, wo die Straßen auch durchgehend frei waren. Innerhalb von drei Stunden waren wir Zuhause angekommen. Wir wollten noch schnell einen Döner vom Dönerladen um die Ecke holen. Doch der hatte leider geschlossen. Also fuhren wir nochmal schnell ins Döner-Dreieck. Wie oft Turhan schon hungernde Menschen mitten in der Nacht gerettet hat. Nach dem Döner ging es direkt ins Bett. Mama staunte noch über meine Renovierung. Am nächsten Morgen brachte ich Mama nach dem Frühstück zum Bahnhof, womit unser Urlaub offiziell endete.


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